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Full text of "Zum Verständnis der nachahmenden Kunst des Vergil"

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trl<f.lSI 




l^acäactt College l^ilirars 

THE GIFT OF 

STEPHEN SALISBURY, 
OF WORCESTER, MASS. 



y,..^,/./.c 



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Zum Verständnis 



der 



nachahmenden Kunst des Yergil. 



Von 



Dr. Ptiul Cauer, 

Oberlehrer am Gymnasium zu Kiel. 



ldÖ6. t>roffr.-]^o. 266. 



Kiel. 

Drack von H. Fiencke« 
1885. 



i^lIJS! 




Zum Verstäsdnis der nachahmeDden Kunst des Vergil. 



Vergil schelten ist leichter als ihn verstehen, ihn verstehen nützlicher als ihn bewundern. 

Vor den Extremen in der Schätzung dessen, was er geleistet, kann guter Wille bewahren, und 
damit ist fijr ein vollkommenes Verstehen das erste Hindernis beseitigt. Aber reichliche Schwierig- 
keiten bleiben zurück. Ihr wichtigster Grund liegt in der überaus bedächtigen, kunstvollen Arbeit, 
durch welche die Verse, die wir nun lesen, zu stände gekommen sind. Das scherzhafte Gleichnis 
ist bekannt, in dem der Dichter selbst seine Art zu schaffen beschrieben hat: wie eine Bärin 
plumpe und ungestalte Junge zur Welt bringe, denen sie dann durch Lecken allmählich die 
richtige Form gebe, so seien dio Geburten seines Geistes roh und unvollkommen, und erst durch 
langsame, sorgfältige Bearbeitung verleihe er ihnen die Züge, die sie tragen sollen. Ein Stück 
dieser mühsamen Thätigkeit mufs rückwärts der Leser durchmachen, der die Worte des Dichters 
ganz verstehen will. Aber eben hierin liegt ein eigentümlicher Beiz. Wenn es uns heute schwer 
wird Vergil mit Begeisterung zu lesen, so haben wir daftir selten so wie bei ihm Gelegenheit 
in die poetische Werkstätte einen Blick zu thun. Und mehr als einen Blick. Das Material, mit 
dem er gearbeitet hat, ist uns zum groEsen Teile bekannt, und oft gelingt es, durch Vergleichung 
desselben den Gang noch zu erkennen, den seine Phantasie, seine Gedanken, seine technischen 
Erwägungen genommen haben. Nirgends aber wird diese Erkenntnis eine schärfere sein als da, 
wo die Verarbeitung des Stoffes nicht ganz vollkommen ist, wo kleine Unebenheiten im Ausdruck 
oder Widersprüche im Gedanken als Spuren der vorhergegangenen sorgsamen Arbeit stehen ge- 
blieben sind. Solche Spuren in einigen Beispielen zurück zu verfolgen ist die Absicht unserer 
gegenwärtigen Betrachtung. 

I. 

1. In seiner Ausgabe von Theokrits Idyllen macht Fritzsche auf eine Stelle aufmerk- 
sam, die Vergil Ecl. VUE. 58 miCsverstandeu habe. Dort klagt Dämon über die Untreue der 
Nysa, welche den unwürdigen Mopsus liebe, und um seiner Verzweiflung einen recht starken Aus- 



druck zu geben, sagt er: omnia vel medium fiant mare. Man hat versucht diese Worte zu er- 
klären : Heyne spricht darüber mit mehr Scharfsinn als Glück, neuere Herausgober übersetzen ge- 
trost: ,,eher möge das Meer alles bedecken." Aber wie kommt dieses dem Hirten plötzlich in 
den Sinn? Bei Theokrit nun I 132 ff steht folgendes: 

f/vv d* Xa ^iiv (fOQ^one ßdiot^ ff oq föne d' axavO^ai^ 

ä di xa?,d väQxi(f<fog tn aQXtvd-otCi xofAadaij 

jiävra d* ivaX).a y^voiTo, xal ä nftvc oxvaq In^xaiy 

JdtpVK; fnsl -dvdaxei ' xal tue xvvac (ÜÄafoc l'/xof, 

X1/J oq(u)v tot (TxfSnec d^dotn yaQVtrairto, 

Domsträuche sollen Veilchen tragen, die Narzisse auf dem Wachholderbusch blühen, der Hirsch 
soll die Hunde zausen: alles soll sich in sein Gegenteil verkehren, da Daphnis stirbt. Solches 
Unglück mülste die ganze Natur in Aufruhr bringen. - - Vergil hat lva?,?,tt gelesen, aber so über- 
setzt, als ob tvdlia da stände. 

2. Turnus, im Lager der Trojaner von diesen hart bedrängt, entkommt glücklich durch 
einen Sprung in den Tiber. Dabei heilst es, Aen. IX 815 ff.: 

Tum demum praeceps saltu sese omnibus armis 
in fluvium dedit. ille suo cum gurgite flavo 
accepit veuicntem ac mollibus extulit undis. 

Warum steht hier cum ? Die Herausgeber schweigen grofsenteils daiüber ; lehrreich ist, was Heyne 
sagt: „aut ut vacet cum, ut saepe; aut ut capiatur ac si esset in. üt Gr. poötis tv pro crt'r.** 
Die zweite Erklärung ist ein schlechter Notbehelf, die erste nicht einmal das. Ahnliche Worte 
wie die angeführten finden sich VIII 72 in einem Gebete, in welchem Aeneas erst die Laurenti- 
schen Nymphen anruft und dann fort&hrt: 

tuque, o Thybri tuo genitor cum flumine sancto, 

accipite Aenean et tandem arcete periclis. 

In diesem Satze ist cum nicht anstöfsig; es dient dazu, den Gott und seinen heiligen Strom in 
der Anrufung zusammenzufassen. Noch deutlicher ist das in dem Verse des Ennius, der als 
Vorbild gedient hat: 

Teque pater Tiberine tuo cum flumine sancto 

veneror. 
Die Verbindung der Worte tuo cum flumine sancto, die Veigil von seinem Vorgänger entlehnt 
hatte, erschien ihm nachher als formelhaft, und indem er ihr IX 816 die ähnliche suo cum gur- 
gite flavo nachbildete, liefs er cum stehen, obwohl es nun nicht mehr in den Zusammenhang pafste. 

3. Die Königin Amata sucht ihren Gemahl Latinus zu überreden, dafs er an der Ver- 
lobung ihrer Tochter mit Turnus festhalte; wenn wirklich dem Orakel gemäfs ein ausländischer 
Schwiegersohn gesucht werden müsse, so treffe diese Bestimmung auch auf den Butuler-Fürsten 
zu. VII 371 f.: 

Et Turno, si prima domus repetatur origo, 

Inachus Acrisiusque patres mediaeque Mycenae. 
Was heifst mediae Mycenae? Die Herausgeber sagen: „das mitten in Griechenland gelegene", so 
dafs an der Echtheit der griechischen Abkunft kein Zweifel sein könne. Offenbar war dies auch 
Vergils Absicht; aber man mufs sie erraten. Dem Worte ist hier ein Sinn gegeben, den es so 



an und für sich, ohne alle Beziehung auf eine andere Ortsangabe, nicht haben konnte. Dem 
Dichter mufs irgend ein Gedanke vorgeschwebt haben, der ihn selber die Dunkelheit seines Ausdruckes 
nicht bemerken liefs. Dieser Gedanke findet sich bei Homer in dem bekannten Verse a 344 : 

dvägo^y Tov x),^og «i^pi» xa^' ^EXläda xal fiftSov ^ytqyoq. 
Mit Ausnahme des ersten Wortes übereinstimmend sind d 726. 816, und o 80 sagt Menelaos zu 
Telemach : 

et d* tS-iXe^q tQa^&^yai av^ ^EXldda xal (i((Sov Ir/pyoc. 
Aristarch nahm, wie Aristonikos zu / 395 berichtet, an den hier gebrauchten geographischen Bezeich- 
nungen Anstofs, weil Homer ^Elldq in der weiteren Bedeutung noch nicht gekannt habe, 
und nach seinem Vorgänge haben auch neuere Herausgeber an allen vier Stellen den Vers ge- 
strichen. Aber er war doch von alter Zeit her vorhanden, und niemand hat bestritten, dafs er 
einen ganz guten Sinn gebe. Warum wird Argos (i(aop genannt? Päsi (und mit ihm noch Hin- 
richs) sagt, der Peloponnes Verde durch ^(iSov ^^^yog bezeichnet; aber das ist nicht denkbar. 
Homer nennt den Peloponnes ^Aqyoq ^Axanxov oder ^laaov oder Innoßotov im Gegensatze zu 
^Aqyog IlslaayixoVy d. h. Thessalien; aber das mittlere? von zweien? Unmöglich. Ameis-Hentze 
erklären: ^^Aqyog (^Axauxov) das Herrschergebiet Agamemnons im Peloponnes, ^iaov d. i. das 
innerste." Dies kommt dem Richtigen nahe; nur haben die Erklärer denselben Fehler begangen 
wie Vergil, indem sie dem Attribute fifdoc an sich die angegebene Bedeutung beilegten. Ohne 
die davorstehende Präposition ist das Wort nicht zu verstehen. Es ist hier ganz ähnlich ange- 
wandt wie z. B. an folgenden Stellen : fd^v&vov xard fjL^aaoDq 2 606, xat^ avvovg — xatd fifaaovg 
d 18 f., fifffrffjv xdx x€<pa).riv 11 412. , .Mitten durch Argos hin'*, das ist vollkommen klar; aber 
,,da8 mittlere, d. h. innerste Argos'* ist so wenig verständlich wie ,,da8 mittlere Mycenae.*'') 

4. Bei der Beschreibung des Wettlaufes flihrt der Dichter, nachdem er den Aeneas die 
Preise hat aufzählen lassen, so fort, V 315 ff. : 

Haec ubi dicta, locum capiunt signoque repente 

corripiunt spatia audito limenque reliucunt 

effusi nimbo similes ; simul ultima signant. 

Man wird die letzten Worte nicht anders erklären können, als Servius gethan hat: „intuentur 



') Hier noch zwei weitere Beispiele wenn auch nicht aaverstäadlicher, doch an verständiger Festhaltung 
eines homerischen Epithetons, auf die mich mein Kollege Herr Dr. 0. Fr. Müller aufmerksam gemacht hat. 
Das eine findet sich in Vergil s Wiedergabe von vyqoi x^kev&a. Einmal 8ag:t er ganz angemessen n mida regna 

Georg. IV 363; aber ein and»;res Mal von den Reitkünsten dt-r jaugcn Trojaner Aeu. V 594 f.: 

Delphinmm similes, qui per maria amida nando 
Carpathium Libycnmqae secant luduntqae per undas. 
Dafs das Meir fencht Ut, kann freilich niemand bestreiten; aber wer würde daran denken, dem Worte ein solches 
Attribut zn geben? Bei x^/.tv&a hatte es seinen guten Sinn und war unentbehrlich, wenn der Begriff ,,Meer'' 

umschrieben werden sollte. — Auffallender noch ist, was V 67S f. vom Ascanius gesagt wird: 

— — galeam ante pedes proiecit inanem, 

qua Indo indutus belli simulacra ci'bat. 
Dafs er den Kopf nicbt mit zur Erde wirft, Ut selbstverständlich. Dagegen ist Menelaos mit Recht vt'rdriefs- 
lieb, als er den besirgten Paris am H^-lme festhält, um ihn zu töten, Aphrodite aber den Rl men zerreifst, nin 
den Liebling zu retten, /^STO: 

x€tpij di tQvy>d?,€$a S^k eaneto x**?^ naxeffj. 



_ß 

ac notant ultima spatia i. e. finem cursus aviditate vincendi", also : „sie fassen ins Auge." Aber 
wie signare zu dieser Bedeutung gekommen sei, bleibt dunkel. Die Parallelstelle, die Servius 
aus Cicero Catil. I 1,2 anführt, pafst nicht: notat et designat oculis ad caedem unumquemque 
nostrum; denn hier heifst designare wirklich „bezeichnen, aus einer Menge hervorheben.'* Bei 
Vergil selbst giebt es ein paar Stellen, die als Beispiele eines ähnlichen Gebrauches von signare 
angeführt werden könnten; aber auch diese stimmen nicht vollkommen mit der hier betrachteten 
überein. Die eine ist Aen. XII 1 ff.: 

Turnus ut infractos adverso Marte Latinos 

defecisse videt, sua nunc promissa reposci, 

se signari oculis: nitro implacabilis ardet. 
Die Augen Aller sind auf ihn gerichtet und „bezeichnen'* ihn als denjenigen, von dem man 
Hülfe erwartet: dies ist eine ganz natürliche Ausdrucksweise. Die andere Stelle ist eher 
zweifelhaft. Aeneas erzählt von den Kämpfen, die er und seine Gefährten, als Griechen verkleidet, 
in dem brennenden Troja glücklich führen ; endlich werden sie doch erkannt, II 422 f. : 

— — — clipeos mentitaque tela 

agnoscunt atque ora sono discordia signant. 
Die Sprache verrät die Trojaner. Auf den ersten Blick ist man geneigt ora discordia als Sub- 
jekt zu nehmen, und gegen eine solche Auffassung liefse sich nichts erhebliches einwenden. 
Aber freilich lälst sich nicht bestreiten, dafs auch die andere möglich ist, wonach signant mit agno- 
scunt gleiches Subjekt hat und bedeutet „sie bemerken*'. Dies scheint der Anwendung in ul- 
tima signant ähnlich zu sein ; aber ein deutlicher Unterschied bleibt doch noch : das eine Mal heifst 
signare „an einem Merkmal erkennen", das andere Mal „einen Fleck (der von vorne herein 
kenntlich sein mufste) ins Auge fassen**. In diesem letzteren Falle ist jeder innere Zusammenhang 
mit dem ursprünglichen Begriffe von signum verloren gegangen. Trotzdem kann man nicht be- 
zweifeln, dass Vergil das Wort so gebraucht hat. Wie kam er dazu? Wenn ich nicht irre, so 
hatte er auch hier einen äufseren Anlafs in der Bieminiscenz an einen griechischen Ausdruck, der 
bei Gelegenheit der Beschreibung des Wagenkampfes vorkommt, U^ 358 f. : 

ttjk6&€v Iv )Mo} TtedCtf. 
5. Zu den nicht allzu zahlreichen Stellen, an denen ein Satz seinem ganzen Umfange 
nach dem Homer nachgebildet ist, gehurt Aen. I 723 f. : 

Postquam exempta fames et amor compressus edendi, 
crateras magnos statuunt et vina coronant. 
Der zweite Vers allein findet sich fast ebenso auch noch VII 147. Die Originalverse >^ 469 f lauten : 

Av%ccQ inel 7io(fiog xal idfjttfog i^ tqov evro, 
xovQoi fiev xQt]T^Qag tnsfSTiipaino notolo. 
Man hat darüber gestritten, ob coronare bei dem römischen Dichter „anfüllen*^ oder „bekränzen'* 
bedeuten solle. Für ersteres scheint die Anlehnung an Homer zu sprechen; aber für 
letzteres entscheidet, aufser sonstigen Gründen, die Rücksicht auf zwei andere Vergil-Stellen. 
Cratera coronant Georg. II 528 ist schon deutlicher als jenes vina coronant, und vollends was 
Aen. III 525 f. steht : magnum cratera corona induit, nimmt jeden Zweifel fort. Die römische 
Sitte, Mischkrug und Becher zu umkränzen, ist bekannt ; diese hat Vergil als eine althergebrachte 
erscheinen lassen wollen. Aber er hat dies im Zusammenhange eines Satzes gethan, der im übrigen 



1 

der lateinisclie Ausdruck für einen homerischen Gedanken ist. Wenn nun in eben diesem ho- 
merischen Gedanken ein Wort sich findet, an das die Benennung jener römischen Sitte unver- 
kennbar anklingt, so ist es nicht möglich darin ein zufälliges Zusammentreffen zu sehen. Be- 
wufste oder unbewufste Nachahmung hat den Dichter geleitet, als er dem Inaatiipavto noxoto sein 
vina coronant entsprechen liefe und dadurch eine Beziehung herstellte, die allerdings, wenn die 
freiere Bewegung der dichterischen Redeweise nach logischen Kegeln beurteilt werden soll, nicht 
anders als filr ein Mifeverständnis erklärt werden kann. 

6. Im zweiten Buche der Georgica wird u. a. ein Verfahren beschrieben, durch das man 
erkennen kann, zu welcher Art von Benutzung der Boden gut sei. Man gräbt eine Grube und 
schüttet dann die ausgeworfene Erde wieder hinein : wird die Vertiefung nicht ganz ausgefüllt, 
so ist das Land zum Weinbau geeignet; hat man mehr Erde, als zur Ausfüllung nötig ist, so soll 
man das Land unter den Pflug nehmen. Das lautet lateinisch so, Georg. 11 233 ff. : 

Si derunt, rarum pecorique et vitibus almis 
aptius über erit; sin in sua posse negabunt 
ire loca et scrobibus superabit terra repletis, 
spijssus ager: glaebas cunctantes crassaque terga 
exspecta et validis terram proscinde iuvencis. 

Was im zweiten Satze ager genannt wird, heifet im ersten über ; in gleicher Bedeutung findet 
sich dasselbe Wort Georg. II 275: in denso non segnior ubere Bacchus. Wie ist aus dem 
„Euter" der „Acker** geworden? Vielleicht giebt darüber eine Stelle Aufschlufe, an der in einem 
Vergleiche die Grundbedeutung noch erkennbar ist, Aen. III 94 ff. : 

Dardanidae duri, quae tos a stirpe parentum 
prima tulit tellus, cadem vos ubere laeto 
accipiet reduces. antiquam exquirite matrem 

„Das alte Mutterland wird euch wieder an seine Brust nehmen": das ist ein vollkommen ver- 
ständliches Bild. Aber der Weg von ihm aus zu der Anwendung des Wortes in Georg. II 
234 ist doch noch ein recht weiter, und wieder von ihm ganz abseits liegt der Gebrauch, den 
wir in einer dritten Gruppe von Stellen finden; ich meine die folgenden: 

Georg. II 185: quique frequens herbis et fertilis ubere campus — 
Aen. I 531. III 164: terra antiqua, potens armis atque ubere glaebae. 

Aen. VTI 261 f.: non vobis rege Latino 

divitis über agri Troiaeve opulentia derit. 

In diesen drei Versen kann über kaum etwas anderes heifsen als rein abstrakt „Fruchtbar- 
keit"; nur in dem zuletzt angeführten möchte man versucht sein an eine andere Erklärung zu 
denken. Wie wäre es, wenn in über agri der Genetiv den Stoff bezeichnete : „das nährende Euter, 
das in Land besteht"? Oder, noch besser, weil durchaus konkret und anschaulich, über agri „der 
nährende Teil des Landes", wie das Euter der Nahrung gebende Teil am Körper des Tieres? 
Und wirklich, in diesem Vergleiche liegt der Ursprung der ganzen Übertragung. Denn so steht 
bei Homer ovd^ctq äqovQfiq. Wenn Agamemnon / 141 sagt: 

80 will er damit Argos als ein besonders fruchtbares Stück Landes bezeichnen, wie denn auch 



Scliol. B ganz zutreffend erklärt: r^g y^g %o tqofpi^tateQov. Jener Vers ist wiederholt / 283, 
und in ganz gleichem Sinne findet sich das Wort im Hymnus auf Demeter 450: 

elg d* aqa ^Pdqiov l^e^ ip€Q(aßiov ovd-aq agovQfjg, 

Blicken wir von hier aus auf Vergil zurück, so zeigt sich, dafs er eigentlich nur an einer 
Stelle das Bild, das bei Homer gegeben war, festgehalten hat, Aen. II E 95: eadcm vos ubere 
laeto accipiet. Im übrigen hat er sich allmählich von dieser anschaulichen Yorstellung entfernt. 
Er übersetzte zwar oid-aq dqovqtiq scheinbar wörtlich mit über agri ; aber indem er den ursprünglich 
partitiven Genetiv als einen Genetiv des Stoffes auffafste, geriet er dazu, erstens über agri aus 
dem Verhältnis der Apposition zu einem Ländernamen, in dem es bei Homer stand, herauszu- 
nehmen und Aen. YII 262 für sich hinzustellen, zweitens aber agii mit glaebae zu vertauschen, 
Aen. I 531. III 164. Damit war die abstrakte Bedeutung „Fruchtbarkeit" schon so gut wie 
gegeben, die nun zunächst Georg. II 185 ohne den erklärenden Genetiv erscheint, dann aber 
auch, in das Konkrete zurückübertragen, Georg. II 234. 275, die Anwendung des Wortes im 
Sinne von „ifruchtbarer Boden" möglich gemacht hat. — Es braucht wohl kaum hervorgehoben 
zu werden, dafs die angegebene Reihenfolge nur der psychologischen Entwickelung der Begriffe 
entspricht und mit dem zeitlichen Verhältnis der einzelnen Beispiele nichts zu thun hat. Dafs 
eine poStisch gefärbte Benennung des Ackers für die Georgica ausgebildet wurde, ist aus sach- 
lichen Gründen ebenso natürlich wie die andere Thatsache, dafs in dem späteren Heldengedicht 
deutUchere Spuren der ursprünglichen, homerischen Vorstellung, auf der jene Benennung beruht, 
sich erhalten haben. 

Der Gebrauch des Wortes über, den Vergil geschaffen hatte, ist nicht auf seine Dichtungen 
beschränkt geblieben. Aber mustern wir die Schriftsteller, bei denen er sich wiederfindet, so sind 
es solche, von denen man auch sonst weifs, dafs ihre Sprache durch die des groGsen Epikers be- 
einflulfit worden ist. In erster Linie ist Tacitus zu nennen, welcher Hist. III 34 die Stadt Cre- 
mona folgendermaßen beschreibt : numero colonorum, opportunitate fluminum, ubere agri, adnexu 
conubiisque gentium adolevit floruitque, bellis externis intacta, civilibus infelix. Der Dichter Clau- 
dius Claudianus, dessen Gedicht de hello Getico kurz nach 400 geschrieben ist, läijst darin 504 ff. 
einen alten Geten im Ejriegsrate zu Alarich sagen : 

quid palmitis über Etrusci, 

quid mihi nescio quam proprio cum Tibridc Bomam 
semper in ore geris? 

Auch hier heifst über abstrakt „Fruchtbarkeit". In derselben Bedeutung steht es bei Colu- 
mella, de re rustica I[I 21,3. IV 27,5; von ihm wieder hat drei Jahrhunderte später Palla- 
dius den Ausdruck übernommen, bei dem er sich I 7,1. 6,8. 33,2 findet, an den beiden letzt- 
genannten Stellen sogar mit der Variante ubertatem. Von der zurückübertragenen Bedeutung 
„fruchtbarer Boden" ist mir nur ein Beispiel aus späterer Zeit bekannt; dieses hat Columella, 
und zwar erklärlicher Weise in dem in Versen abgefafsten Buche X. Dort heifst es 88 ff.: 

Mox bene cum glebis vivacem cespitis herbam 
contundat marrae vel fracti dente ligonis, 
putria maturi solvantur ut ubera campi. 

„Das morsche Erdreich" ist hier zu übersetzen. Ich verdanke diese Stelle und die vorher- 
gehenden* dem Index im zweiten Bande von Gesners „Scriptores rei rusticae". Dafs die Samm- 



6 

lang vollständig ist, kann ich nicht verbürgen; aber ich glaube nicht, dafs weitere Beispiele, die 
sich vielleicht noch finden möchten, das gewonnene Resultat beeinträchtigen werden. 

7. Aeneas geht mit einigen tapferen Männern, die sich ihm angeschlossen haben, durch 
die brennende Stadt, um in verzweifeltem Kampfe das ÄuJserste zu versuchen. Dies beschreibt 
er selbst Aen. II 355 ff. so: 

355 Sic animis iuvenum furor additus. inde, lupi ceu 
raptores atra in nebula, quos improba ventris 
ezegit caecos rabies catulique relicti 
faucibus exspectant siccis, per tela, per hostis 
vadimus haud dubiam in mortem mediaeque tenemus 
360 urbis iter; noz atra cava circumvolat umbra. 
Diese Schilderung enthält viele einzelne homerische Bestandteile, die von verschiedenen Stellen 
her zusammengebracht worden sind. Mich interessiert hier nur eine Frage: wie kommen 
die Wölfe in dem Nebel? Heyne erklärt: „ex observatione sagacitatis in talibus aniraantibus.** 
Homer hat zwei ausgeführte Gleichnisse von Wölfen, die auf Baub ausgehen, /Z 156 ff. und 352 ff. 
Daljs dies Nachts geschehen sei (wie beim Löwen All^, P660), wird an keiner von beiden Stellen 
angedeutet, an der zweiten ist es sogar durch den Zusammenhang ausgeschlossen. Schlauheit ist 
keine charakteristische Eigenschaft des Wolfes ; am wenigsten aber war sie in unserem Falle her- 
vorzuheben, wo gerade die wilde Verwegenheit der Männer bezeichnet werden soll, die per tela, 
per bestes dem sicheren Tode entgegengehen. Nun gehört zu den homerischen Bestandteilen, die 
Yergil zu dem oben mitgeteilten Bilde vereinigt hat, ein Zug aus der Doloneia, wo von Odysseus 
und Diomedes K 297 f. gesagt wird: 

ßav ^ ffiev £g te ?Jov%e dvu) dta vvxra fiiXaivctv^ 
cifA ipovoVjSv pixvaq, dtä % tvtea xal fJhiXav alfia, 
„Sie gingen dahin durch die schwarze Nacht wie zwei Löwen'' ; nicht auf letztere bezieht 
sich die Zeitbestimmung, sondern auf das Unternehmen der beiden Helden. Yergil hat aber, 
in flilchtiger Benutzung seiner Vorlage, die Worte £q %€ Xiov%€ dvw did vvxra iiika&vav zu- 
sammengenommen und danach auch die Wölfe in einen schwarzen Nebel versetzt, fdr den es an 
natürlicher Begründung fehlt. 

Das Ergebnis unserer bisherigen Erörterungen ist dies : indem Vergil einzelne Stellen aus 
älteren Dichtem, besonders aus Homer, nachahmte, begegnete es ihm zuweilen, dals er die Worte 
seiner Vorlage oder deren Verbindung unter einander unrichtig auffalste und danach lateinisch 
einen Gedanken herstellte, der nicht vollkommen verständlich war. Man kann diese Thatsache 
anerkennen, ohne darin eine Verkleinerung des Dichters zu sehen* Denn Fälle ähnlicher Art 
finden sich an vielen Orten. Gustav Freytag lieJs (Bilder aus d. deutsch. Vergang. I[1871] 
S. 546) Herrn Ulrich von Lichtenstein erzählen: „Durch fünf Stunden that ich den Mund 
auf, um zu reden, aber die Zunge lag mir fest und konnte kein Wort finden.** Wenn er hier 
den alten Ausdruck für „fünfmal'* mifsverstand, ist es darum weniger wahr, dals er Leben und 
Litteratur des Mittelalters mit unvergleichlichem historischem und poetischem Verständnis erfalst 
hat? Schiller fand in Tschudis Chronik folgenden Satz: „wie Er kam nah zu einer Blatten — , 
„beducht Im dafs Er daselbs wol hinuis gespringen und entrünnen möcht, schry den Knechten zu, 
„daCs sie hantlich zugin d, bifs man für dieselb Blatten käme, wann sie hattend dann das 
„B^B^s^^^G'^^^den." Die Knechte sollten tüchtig ziehen, d.h. rudern. Was Schiller daraus gemacht hat : 

8 



10 

Schrie ich den Knechten, handlich zuzugehn, 

Bijs daüs wir vor die Eelsenplatte kämen, 
hat er so wenig verstanden^) wie nach ihm irgend jemand ; aber ist er darum ein kleinerer 
Dichter? Oder erleidet auch nur der Kuhm, den der so glücklich getroffene Schweizer Lokalton 
ihm eingebracht hat, die geringste Einschränkung ? GrewiTs nicht. So dürfen wir auch Vergil als 
Dichter ehren, selbst wenn die Zahl der in Einzelheiten ihm nachgewiesenen Irrtümer sich noch 
vermehren sollte. 

II. 

unter den im vorigen Abschnitt besprochenen Beispielen ist das letzte von besonderer Art. 
Denn hier hat die unrichtige Beziehung der griechischen Worte did vvxtu fiikaivav nicht nur 
einen einzelnen unklaren Gedanken im lateinischen Texte hervorgebracht, sondern ihre Wirkung 
scheint sich weiter zu erstrecken. Da Vergil die umgebende Finsternis zunächst dem Wortlaute 
nach aus Homer herübergenommen hatte, so kam er von selbst darauf, sie in weiterer Ausmalung 
für seine Schilderung zu verwerten, ohne daran zu denken, daDs sie der Sache nach in seinen Zu- 
sammenhang nicht pauste. Denn aus Aen. II 255. 340 erfahren wir, dafs der JUond hell scheint, 
während Troja erobert wird. Dazu steht es in Widerspruch, wenn „schwarze Nacht mit hüllen- 
dem Schatten" die Dahinschreitenden „umflatteit'* (360), eine Vorstellung, die an zwei^) späteren 
Stellen (397. 420) festgehalten ist. Ein ilangel an Anschaulichkeit der Darstellung liegt hierin 
jedenfalls; die Frage ist nur, ob derselbe immer noch in der Erinnerung an jenes Bild in der 
Doloneia {^K 297 f.) seinen bestimmten Anlafs hat. Beweisen läfst sich dies nicht ; aber ich halte 
es ftr wahrscheinlich deshalb, weil ähnliche störende Wirkungen des Anschlusses an das griechische 
Original sich bei Vergil auch sonst zahlreich beobachten lassen. Ehe ich dafür Beispiele gebe, 
will ich dem Verdachte vorbeugen, als suchte ich etwas darin, Vergil zu verkleinem. 

Für uns Deutsche ist es nicht leicht dem Dichter der Aeneide gerecht zu werden. Die 
sorgfältig geleitete, ceremoniöse, thränenreiche Handlung, die kunstvolle, gravitätische, gedanken- 
schwere Sprache wollen uns nicht behagen; es fehlt etwas, das wir als notwendige Eigenschaft 



') Aaf das hier vorliegende Mifsverdtändnis und andere der Art hat Düntzer aufmerksam gemacht* 
Brläuterungen zu SiAiiJlerB Wilhelm Teil, S. 48 ff. 126. Lehrreich ist besonders das an der letztgenannten Stelle 
berührte Beispiel; denn es zeigt, dafs ein Irrtum auch in solchen Worten verborgen sein kann, die uns nicht nur 
dorchaas klar, sondern vorzugsweise treffend and glücklich gewählt erdcheineu. fiel Tschudi sagt Gefsler zu 
Stanflacher: ,,ich will nit dafs Puren Hüfser buwiud on min Verwillgeu, will ouch uit, dafs Ir also fry lebiud, 
,,al8 ob Ir selbs Herren sigind, Ich wird üchs anders ton ze weren.'^ — ,,Under8ton*' ist ,,versachen''. Aber 
wer möchte nicht gern die richtige Übersetzung entbehren and bei dem so viel kräftigeren Gedanken bleiben, za 
dem Schiller durch ein MiDiverstäudnls geführt worden ist: ,,Ich werd mich anterstehn, each das zu wehren''? 
Es ist, als habe die Sprache selbst ihrem Dichter etwas von dem Vielen, was sie durch ihn empfangen, vergelten 
wollen, indem sie nun auch für ihn eiumal dachte und sein Versehen in einen Vorzug verwandelte. Etwas ähn- 
liches ist mir bei Vergil noch nicht vorgekommen ; aber ich würde mich nicht wandern, wenn es sich gelegentlich fände. 

*) An einer dritten Stelle läfst sich die Angabe der Dunkelheit vielleicht rechtfertigen. Als die göitliclie 
Matter, welche dem Helden ,,iu reinem Lichte strahlend** (590) erschienen ist, wieder verschwindet, heilst es II 
621 : spissis noctis se condidit uuibria. Im plötzlichen Wechsel gegen das helle Licht, das die Göttin umflofs, 
kann wohl auch die Mondnacht dunkel erscheinen. Aber auch wer solche Erklärung als za künstlich abweist, 
wird zugeben, dafs an der ansrefübrten Stelle die Dunkelheit als malerisohei Motiv beinahe notwendig war« and 
dafs an eine Kachwirkung des für II 356 ff. angenommenen Einflusses der Doloneia hier nicht gedacht werden kann. 



11 

eines echten Dichters anzusehen gelernt haben, die ürsprünglichkeit. Früher war das anders, und 
bei den romanischen Völkern ist es noch jetzt anders. Es ist bekannt, welcher Kultus in dem 
Heimatlande des Dichters mit der Erinnerung an seinen Namen getrieben wird; das Denkmal, 
das man neuerdings in Pietole bei Mantua errichtet hat, ist nur eine von vielen ÄuDserungen dieser 
Gesinnung Aber auch den Franzosen ist Yergil ein überaus kongenialischer Poöt. Wenn Vol- 
taire sagte : „Si c'est Homere qui a fait Virgile, c'est son plus bei ouvrage", so war das freilich 
in einer Zeit, in der man auch bei uns noch nicht gelernt hatte Homer richtig zu würdigen und 
dem Römer vorzuziehen. Aber man lernte es eben damals. Schillers „Zerstörung von Troja" 
und „Dido** hatten fbr ihn selbst vorzugsweise die Bedeutung, daGs die Arbeit daran ihn in der 
Beherrschung der poetischen Technik befestigte; sie sollte ihm als Vorbereitung dienen fbr das 
TTntemehmen eines deutschen National-Epos, mit dessen Plane ersieh in jenen Jahren (1792. 1793) 
trug. In Frankreich erschien 1805 mit allem Anspruch auf hohen litterarischen Wert eine Über- 
setzung der ganzen Aeneide in Alexandrinern, eingeführt durch eine sehr schmeichelhafte Dedi- 
kations-Epistel an Kaiser Alexander I. von Rulsland. Der Verfasser, Jacques Delille, be- 
kleidete eine philologische Professur am College de France; und so grols war das Ansehen, das 
er in dieser Stellung und mit ihm der bevorzugte Gegenstand seiner Studien, Vergil, genois, dafs 
man von seinem Nachfolger, Tissot, nichts höheres glaubte rühmen zu können als : „il conserva 
ä la chaire son caractdre virgilien." Der so sprach, war Sainte-Beuve, welcher selbst wieder 
(1855) nach Tissot diesen Lehrstuhl einnahm. Seine „Etüde sur Virgile suivie d'une ^tude sur 
Quintus de Smyme'* (3™* Mit. 1878) ist geeignet eine Anschauung davon zu geben^), wie man 
bei unsern Nachbarn jenseits der Vogesen die Aufgabe der Interpretation eines alten Dichters 
auffafst. Sainto-Beuve sagt in seiner Antrittsrede (a. a. 0. 23): „Cet enseignement, je m'efforcerai 
„de lui maintenir lo caraotäre principal qu'il a ou, qu41 devrait, ce me semble, garder toujours en 
„France, je veux dire un caractdre, sinon de culte et d'adoration, du moins d'admiration sensible 
„et intelligente. Et moi aussi, ä mon tour, j^aimerai ä me considörer k quelque degrä oomme un 
„prStre de Virgile." Als einen „Priester Vergils*' bezeichnet sich der Verfasser; aber er ist kein 
Priester, der vor einem Götzenbilde kniet, er versteht die Geister zu unterscheiden. Die Be* 
wunderung für Veigil hindert ihn nicht offen zu erklären (S. 106), dafs seine Bewunderung für Homer 
noch viel gröfser sei. Der Verfasser der Aeneide gilt ihm nicht als das absolute Ideal eines 
Epikers; er erkennt die Ghrenzen seines Talentes und seiner Kunst und nennt ihn (S. 89) mit 
einem geistreichen Anachronismus : „le premier, dans Pordre ^pique, des podtes raciniens." 
Man muJB solche Aussprüche in Erinnerung behalten, um einen Satz richtig zu würdigen, den man 
bei manchem anderen für eine Phrase halten würde, der aber bei Sainte-Beuve (S. 107 f.) auf- 
richtig gemeint ist, so zu sagen ein Bekenntnis von dem innerlichen Verhältnis, in dem er zu 
seinem Dichter steht : „Bien n'est perdu de la dölicatesse d'une äme si, quoi qu'elle ait fait et vu 
„et cherchö, eile se retrouve sensible en prösence de Virgile, et s'il fait naitre une lärme, — une 
,,de ces larmes d'^motion oomme j^en ai vu rouler un jour dans les yeuz d'un noble statuaire de- 
„vant qui un ^tranger osait, dans la galerie du Vatican, oritiquer TApoUon du Belvöddre: l'artiste 
„offensö ne röpondit que par cette lärme. '^ 



^) Von dieser sehr lesenswerten Scbrift hat man in Deutschland wenig oder gar nicht Notiz genonuBen. 
Aach Hans Theodor Piüfs in leinem iiebevolleu Buche „Vergil and die epische Kaust'' (Leipzig 1884) scheint 
sie nicht gekannt zu haben. 



12 

Von einer Abschweifung, deren Zweck sogleich deutlich werden wird, lenke ich wieder 
in meinen Weg ein. Wenn ein Mann wie der, dessen Standpunkt soeben bezeichnet wurde, 
Fehler in Vergils Dichtung findet, so kannjniemand behaupten, dafs dieselben durch böswillige 
Interpretation hineingelegt seien. Und gerade für die Art von Fehlem, von der ich hier reden 
will, steht mir Sainte-Beuve's Urteil zur Seite. Aen. I 81 ff. wird das Unwetter beschrieben, mit 
dem Aeolus auf den Wunsch der Juno die Trojaner überfallt: von allen Seiten erbrausen die 
Winde, schwarze Wolken bedecken den Himmel, Blitze zucken dazwischen, das Rollen des Donners 
verstärkt das Gefühl der furchtbaren Gefahr, in der alle schweben. Dann heilst es I 92 ff. weiter : 

Extemplo Aeneae solvontur frigore membra; 

ingemit, et duplicis tendens ad sidera palmas 

talia voce refert: „o terque quaterque beati, 

quis ante ora patrum Troiae sub moenibus altis 

contigit oppeterel 

In der Odyssee waren das die folgenden Verse, e 297 f. : 

xal %6x ^Odv(X(X^oq Xvto Yovvara xat ^Clov ^toQ, 

ox^(fccg d* Sqa eine jtQog ov fieyaki^toga &V(i6v' 
und weiter 306 f. : 

TQlg fjtaxageg Javaol xat tetgdxigf oi tox okovto 

TQoCn iv evQetfi ^xdqiv ^AxqeidTnai fpiqovreg. 

Die Übereinstimmung im Wortlaut ist genau genug, aber wie verschieden an beiden Stellen 
die Situation I Dort ein einzelner Mann auf zerbrechlichem Flofs, hier der Führer einer Flotte 
aus 20 wohlgerüsteten, reichlich bemannten Schiffen: Odysseus hat allen Giund zu verzweifeln; 
Aeneas läfst gleich bei dieser Gelegenheit den larmoyanten Zug erkennen, der trotz aller Tapferkeit 
seinem Wesen eigen ist. Aber man würde unrecht thun, wenn man ihn deswegen schelten wollte ; 
der Dichter trägt die Verantwortung für^las, was er seinen Helden sagen läfst. Das hat Sainte- 
Beuve richtig erkannt. Nachdem er (in seiner Interpretation des ersten Gesanges der Aeneide) 
den Widerspruch zwischen jenen Worten des Aeneas und seiner Situation hervorgehoben und aus 
der Erinnerung an die anders geartete Scene bei Homer erklärt hat, fügt er (S. 216) hinzu: 
„Virgile, on le congoit, avait häte de placer et d'appliquer ^ son tour ces beaux vers qui s'ötaieut 
„grav^ dans son äme. II semble pourtant, quand on se rend compte des situations, qu'il se seit 
,,bien hät^, comme s'il eüt craint d'en perdre Poccasion et le momont.'' 

Ähnliche Fälle sind nun bei Vergil nicht selten : ein Gedanke, ein Bild, ein Motiv der 
Handlung ist aus Homer entlehnt und zwar dem Wortlaute nach richtig verstanden, aber in der 
lateinischen Nachdichtung in einen fremdartigen Zusammenhang gebracht, in dem es nun schief 
und unpassend erscheint. In der Beibringung von Beispielen kann ich mich hier kürzer fassen, 
da eine reichliche Sammlung derselben durchaus sachgeraäfs erörtert ist von Karl Neermann, 
„Über ungeschickte Verwendung Homerischer Motive in der Aeneis", Progr, d. Gymn. zu Ploen, 
1882, S. 1 — 14. Auf diese Abhandlung bin ich erst auftnerksam geworden, als das Material fär 
meine eigene Arbeit bereits fertig lag^), und habe mich des Zusammentreffens in der Grundan- 



^) Dies sage ich nicht Neermanns wegen, der mit dem Gegenstände, der ans beide beschäftigt, vertraut 
ist tmd am besten benrteilen kann, was ich etwa von ihm entleimt habe, sondern mit Bezog aof eine gewisse Art 
von Becensenten, die mit der besten Absicht von der Welt im Stande sind aUerlei Verkehrtes hervorzubringen. 



13 

schauung wie auoli in vielen Einzelheiten gefreut. Unter den Stellen, welche der Verfasser aus 
ungeschickter Anwendung eines homerischen Motives erklärt, ist eine ron berühmter Schönheit, 
die Episode von Nisus und Euryalus IX 176 — 449. Heimlich wollen sie sich am Lager 
der Butuler vorbei zum Aeneas sohleichen, ihm melden, in welcher Gefahr sich die Seinen be- 
finden, und ihn im Auftrage des Ascanius um schleunige Hülfe bitten. Wahrend sie zwischen 
den schlafenden Feinden hindurchgehen, kommt ihnen der Gedanke, erst unter diesen ein Blutbad 
anzurichten; ihrem Auftrage zuwider machen sie sich ans Morden und bleiben dabei, bis der 
Morgen dämmert (355 f.). Zu spät denken sie ans Weitergehen ; ein Trupp latinischer Reiter 
kommt ihnen entgegen, und sie fallen als Opfer ihres eigenen Leichtsinns. Oder richtiger: als 
Opfer der Analogie zur Ilias ; denn ihr Verweilen im feindlichen Lager hat seinen Ursprung darin, 
dafs in der Doloneia Odysseus und Diomedes, der Situation vollkommen angemessen, den unbe- 
wachten Feinden möglichst viel Schaden zu thun suchen. Was hierüber ausführlicher Neermann 
sagt, verdient bei ihm selbst (S. 11 f ) nachgelesen zu werden. Natürlich unterlasse ich es, die 
übrigen von ihm gegebenen Beispiele noch einmal zu besprechen, und begnüge mich ihnen ein 
paar neue hinzuzufügen, die mit den bereits erwähnten zur Charakterisierung der ganzen Gattung 
ausreichen werden. 

1. Homer vergleicht mehrmals einen Helden, der im Kampfe fkllt, mit einem Baume, 
den die Zimmerleute umhauen. Solche Stellen sind N 389 S,= JI 482 ff. und, etwas anders, J 482 ff. 
Dasselbe Bild hat ApoUonios von Rhodos angewandt J 1680 ff. : 

T^p t€ ^ooTg n€?Jx€(X(X$p t&^ ^nirtlfiYa Xmopteq 
v?.<n6fAoi dgvfsoTo xat^),v&ov' ^ Jf vno pvxtI 
^mr^aip filp nqmxa tipäatreTai, vfftfQop avte 
nqx^fipo&BP f^eayeTifa xtxT^Qimp, 

Besonders die Verse des Alexandriners machen den Eiindruck, als ob Yergil sie vor 'Augen gehabt 
habe, als er Aen. II 626 ff. schrieb : 

Ac veluti summis antiquam in montibus ornum 
cum ferro accisam crebrisque biponnibus instaut 
eruere agricolae certatim, illa usquc minatur 
et tremefacta comam concusso vertice nutat, 
volneribus donec paulatim evieta supremum 
congemuit traxitque iugis avolsa ruinam. | 

Man kann nicht bestreiten, dals Yergil das Bild mit eigentümlichen und wirksamen Zügen aus- 



Auf einem wissenschaftlichen Arbeitsfelde, das sie nnr von ferne hetrachteni vermögen sie r* «^^ .^ nnteracheiden 
zwischen dem, was von Natnr gewachsen ist, und dem, was dieser oder jener, der auf d .. pelde thätie ist» 
ans Licht gebracht hat. Wenn sie eich nan Invita Minerva berufen fühlen anf so ' ' Oehiete ihieneitsfür 
eine Regalierang des Eigentams „klärend sn wirken'*, so können sie nicht wo^ , . ^_^ Konfa- 

sion anrichten. Für solche wohlmeinenden und übel beratenen Wahrheitsfr* ^ . . ^^^ ^^j wesent- 

liche Inhalt dieses Programmes in der Praxis des Unterrichtes am K. ^ •lu'^l. r^LI^nT in Berlin allmählich 
entstanden and am 30. Oktober 1882 im ,, philologischen Vereine** ' -^iW6iiis-wjmo~iui« . 

• .. JJI..1. ^ Zr AV'^j iiaselbst einem kleinen Kreise von iracngeno»ou 

vorgetragen worden ist, und dafs ich auf Neermanns Arbeit dr T^n-,:rKo^ Pia f. Venrü und die epische 
Kunst (1884). 8. 8, hingewiesen worden bin. ^ ^ ^'^^ ^^' ^^"^^^ ^^"^"^ "" ^ 



14 

gemalt hat. Aber er hat es in eine Verbindung gebracht, in die es sich seinem Sinne nach 
nicht recht einfügt. Was von einem Kämpfer gesagt wird, der zu Tode getroffen niedersinkt, 
palst nicht ebenso auf die Vorstellung einer vom Feuer zerstörten Stadt; and von dieser ist an^ 
unserer Stelle die Eede, 624 f. : 

Tum vero omne mihi visum considere in ignis 

Ilium et ex imo verti Neptunia Troia. 
Hieran schliefst sich der Vergleich mit den W;orten ac veluti summis; es läfst sich also kaum 
sagen, dafs er auch nur äufserlich im Zusammenhange der Bede befestigt sei. Am Anfang 
wie am Ende^) fehlt selbst eine grammatische Beziehung, durch die er gehalten würde, von der 
logischen ganz zu schweigen. Es gilt wieder, was wir oben mit Sainte-Beuve's Worten anführten : 
Vergil hat sich beeilt die schönen Verse anzubringen, scheinbar in der Besorgnis, er möchte 
keine andere Gelegenheit dazu finden. 

2. Im neunten Buche der Aeneide wird geschildert, wie die Trojaner in Abwesenheit 
des Aeneas ihr Lager gegen die anstürmenden Feinde verteidigen. Jonen gelingt es einen Turm 
der trojanischen Befestigung zu Falle zu bringen ; die Besatzung des Turmes kommt beim Sturze 
um, nur zwei Männer gelangen lebend zur Erde (544 ff.), werden aber von den Latinem getötet. 
Einer der letzteren, Numanus Remulus, reizt die Belagerten durch herausfordernde und höhnische 
Worte und büfst, von Ascanius' Pfeile getroffen, seinen Übermut mit dem Tode. Weitere tapfere 
Thaten des jungen Streiters hindert Apollo (653 ff.) ; aber die Dardaner haben durch seinen Erfolg 
frischen Mut bekommen und erneuern mit Bogen und Wurfspeeren den Kampf (665). Da kommen 
zwei von ihnen auf einen nahezu wahnsinnigen Gedanken. Zwei Brüder, Pandarus und Bitias, 
öffnen das Thor des Lagers, um die Feinde hereinzulocken: zu beiden Seiten stehen sie selbst, 
in Eisen gerüstet, das stolze Haupt vom Helmbusch umwallt, wie zwei Eichen, die ihre dicht- 
belaubten Kronen zum Himmel erheben und mit dem Wipfel schwanken (IX 676 ff.). Das Bild 
ist wunderschön; aber es dient den Unglücklichen nicht zur Rettung. Sie selbst fallen im Ge- 
dränge des Kampfes, der inmitten des geöffneten Thores entbrennt; und als dieses (noch von 
Pandarus selbst) geschlossen wird, bleibt ein grofser Teil der Trojaner draufsen (725), während 
der gefährlichste Feind, Turnus selber, im Lager eingeschlossen ist (728), wo er nun erst ein 
furchtbares Morden beginnt. — Die Schuld an allem Unheil trägt, wenn man den letzten Grund 
au&ucht, Homer. In der TetxoiiaxCa greifen die Troer und ihre Bundesgenossen in fünf Heer- 
haufen geordnet die Befestigung des griechischen Lagers an. Auf Rat des Polydamas lassen die 



Hierfür kam dem Dichter ein Rb^künstes Verfahren sa statten, das er abweichend von Homer in 
der Aasfährnng von Gleichnissen auch sonst anwendet. Homer anterlftfst fast niemals, wenn er von 
dem Gegenstände, der zur Ver^leichung herangezogen worden ist, zn demjenigen zurückkehrt, dessen Schilderung 
den Anlafs znm Vergleiche geboten hat. diese Rückkehr mit Worten anzudeuten ; er zieht so aas dem Gleichnis 
die Nutzanwendung fdr die Anschaulichkeit der Schilderung und vermittelt zni^leich den Übergang zwischen den 
getrennten Gedanken. Ein paar Beispiele, die ich beliebiij herausgreife, sind: ^ 648 fif. M 166 ff. O 618 ff. r81ff.; 
der Übergang wird eingeleitet mit Sq oder £q xoxs oder wc äga. Bei Vergil findet sich zwar auch manchmal 
ein solcher abschUersender und surücklenkender Gedanke, z. B. sehr schön IX 65 haud aliter Rutnlo, in einem 
Vergleich, der nach >/ 548 ff. gebildet ist; aber in der Mehrzahl der Fälle fehlt die Schlufswendung, z B. an 
den Stellen, die jenen homerischen entsprechen : IX 668 ff. VII 586 ff. V 144 ff. Dem Leser ist zu Mntä, als 
ob er, im Begriff noch einen kräftigen Zug aus vollem Becher zu thun, auf einmal findet, dafs der Becher leer 
ist. Es zeigt sich, dafs die „abundantia intellectua *', welche Serrius zu Aen. VI 166 rühmt, dem Dichter nicht 
immer in gleichem Mafse zur Verfügung fifestanden hat. 



15 

meisten \Vagen und tferde zurück, weil dieselben bei der Überschreitung des Grabens hinderlicli 
und gefiQirlich sein würden. Nur Asios der Hyrtakide, Anführer einer der fünf Abteilungen, 
ftthrt tollkühn gerades Weges auf das Thor des griechischen Lagers los und hindurch ; denn das 
Thor war nicht geschlossen, M 122 f. : 

aiA* dvauBTiTafAivag i'xov dv^^eg, tl t^v ha^Qwy 

ix nokifiov (p€V/orta aaiaceiav (leid vijag. 
Zwei tapfere Männer, Lapithen, Poljrpoites und Leonteus, stehen vom zu den Seiten des Thores 
(131 flf), „wie hochbelaubte Eichen im Gebirge, die in Wind und Regen alle Tage aus- 
harren, durch groüse, langgestreckte Wurzeln festgehalten/' Hier haben wir dasselbe Bild ^ wie 
bei Yergil und diesmal ganz am richtigen Platze: für die fliehenden Genossen wird das Thor 
offen gehalten, imd sehr gegen die Absicht der Verteidiger dringt ein Teil der Feinde mit hin- 
durch. Yergil hat das Bild der beiden Männer, die wie Eichbäume dastehen und den Eingang 
hüten, herübergenommen, aber in ungeschickter Weise in seine Darstellung eines Kampfes eingefügt. 
3. Im Anfange des zehnten Buches beruft Jupiter eine Götterversammlung. Er 
ist unzufrieden mit dem Kriege, den Trojaner und Italer gegen einander führen, und mit dem 
Anteil, den die Götter selbst daran nehmen; er habe beides verboten und verbiete es jetzt noch 
einmal (iö). Dem widerspricht heftig Venus und gegen diese wieder zankt Juno; beide wollen 
ihre Schützlinge nicht ohne Hülfe lassen. Jupiter giebt sogleich nach; seinem eigenen Worte: 
abnueram belle Italiam concurrere Teucris (8), stellt er das: Ausonios coniungi foedere Teucris 
haud licitum (105 f.), das die anderen Götter vertreten, gegenüber und läfst es gelten. Den Krieg 
der Menschen erlaubt er also geradezu; er selbst wül keiner von beiden Parteien helfen: rcx 
Juppiter Omnibus idem; fata viam invenient (112 f.). Über die Teilnahme der Götter am Kampfe 
spricht er sich nicht bestimmt aus ; es könnte scheinen, dafs er das Verbot derselben stillschweigend 
aufrecht erhält. Aber dalls dies nicht der Fall ist, zeigt der weitere Verlauf des £^mpfes. Venus 
schützt den Aeneas gegen die sieben Söhne des Phorcus, die vereint gegen ihn herankommen (331 f.) ; 
und Jupiter bemerkt dies nicht nur ohne MiCsbilliguug (608 f.), sondern legt nun sogar seinerseits 
der Juno den Gedanken nahe^ zu Gunsten des Turnus in den Kampf einzugreifen und ihm, wenn 
auch für kurze Zeit, noch das Leben zu erhalten (622 ff.), eine indirekte Aufforderung, welcher 
die Götterkönigin natürlich nicht verfehlt nachzukommen. 

Hier ist alles voll von Widersprüchen, a) Jupiter hat niemals vorher den Kampf zwischen 
Trojanern und Italem verboten; im Gegenteil, er hat ihn Aen. I 263 ausdrücklich und feierlich 
angekündigt. Nur zuletzt, als Turnus im trojanischen Lager wütete, hat er die Götterbotin Iris 
vom Olymp herabgeschickt mit unsanften Aufträgen an Juno für den Fall, dafs Turnus nicht das 
Lager der Teukror verlieDse (IX 802 ff.). Der Gedanke, dafs der Kampf an sich gegen den 
Willen des höchsten Herrschers sei, ist auch an dieser Stelle ausgeschlossen. — b) Ohne jeden 
inneren Grund nimmt Jupiter sein Verbot zurück. Das Gezänk der beiden Göttinnen kann ihn 
nicht dazu bewogen haben ; der Kampf mufs eben weiter gehen. — c) Zu einem so schwächlichen 
Auftreten pafst ganz und gar nicht die pathetische Beschreibung der Haltung und Kopfbowegung 
des Königs : bei deu Fluten des Styx und den von Pech glühenden Ufern des schwarzen Schlundes 
nickt er Gewährung und erschüttert mit seinem Neigen den ganzen Olymp (X 113 f.). — Alle 
Widersprüche lösen sich auf, wenn wir zusehen, aus welchen homerischen Stücken der Anfang 
von Aen. X zusanunengeschweilüst ist. a) Oa ist zunächst die Götter Versammlung in & ; Zeus ver- 
bietet den Himmlischen sich in den Kampf der Troer und der Danaer zu mischen und droht 



u 

däm, der ungehorsam sein würde, schreckliche Strafe an. Schüchtern widerspricht Athene und 
hittet um Erlauhnis, den Griechen wenigstens mit gutem Rate zu helfen (35 f.). Der Vater he- 
ruhigt sie mit kurzen, freundlichen Worten; er habe seine Drohung nicht so ernst gemeint (40). 
DaCs trotzdem das Verbot stehen bleibt, wird bald darauf (0 397 ff.) durch sein Verfahren gegen 
Here und Athene sehr nachdrücklich bewiesen. — ß) Ganz anders ist die Situation in der Oeofiax^cCf 
wo Zeus den anderen Göttern die Teilnahme am Kampfe aus freien Stücken gestattet, nur für 
sich selber an der Neutralität festhält (Y 22 f.). Darauf folgen dann die bekannten Scenen des 
Götterkampfes. — y) Was oben über die Kopfbewegung des Götterkönigs aus Vergil angefiihrt 
wurde, ist den Versen A 528 ff. nachgebildet. — Vergil hat also aus zwei homerischen Götter- 
versammlungen eine einzige gemacht, in der nun ein ganz plötzlicher Umschwung in der Ge- 
sinnung Jupiters eintreten mufs; und er hat diese eine Götter Versammlung blofs äuüserlich in seine 
Erzählung eingereiht, da sie einen Zusammenhang voraussetzt, der durch das Vorhergehende nicht 
gegeben ist.') 

Mit den angeführten Beispielen muis es für diesmal genug sein. Die Zahl derselben liefse 
sich leicht vermehren ; aber es kam hier nur darauf an ihre Art zu schildern : wir sehen, wie Be- 
standteile homerischer Poesie bei Vergil manchmal in einer nicht recht gefugigen Gestalt er- 
scheinen. Das ist gewifs kein Vorzug. Es mufs auch innerhalb der nachahmenden Poesie eine 
Dichtung möglich sein,* die sich von Mifsverständnissen des Originals frei hält, die es vermeidet 
Stücke zusammenzusetzen, die einander widersprechen. Eine solche Dichtung ist „Hermann 
und Dorothea", mit Bewufstsein nach homerischem Muster gebildet und docb ein Werk aus 
einem Gusse, das den vollen Eindruck der Ursprünglichkeit macht. Unmittelbare Beziehungen 
fär einzelne Stellen aufzufinden ist gar nicht leicht, und doch empfinden wir in dem Ganzen den 
homerischen Ton viel lebhafter als in der Aeneide. Wie kommt das? Goethe ist eben kein 
Nachahmer im eigentlichen Sinne: er nimmt zwar auch fremde Elemente in sich auf und repro- 
duciert sie; aber indem sie durch seinen Geist hindurchgingen, haben sie eine organische, nicht 
mechanische, Umwandlung erfahren, und was er nun aus ihnen bildet, ist wieder ein Eigenes, nicht 
mehr Angeeignetes. Doch hier sind wir von neuem in Gefahr dem Vergil Unrecht zu thun. 
Vielleicht hat auch er die homerischen Elemente in seinem Geiste umgeschaffen ; nur weil er 
kein Deutscher ist, darum erscheinen sie uns Deutschen fremd. In der That, das gewaltige An- 
sehen, welches Vergil nicht nur bei den Römern besessen sondern auch bei den jüngeren Nationen 
romanischer Sprache behauptet hat, mulis uns ein für allemal in unserem Urteil über sein Verdienst 
bescheiden machen. Wer von den Besten seines Volkes als Schöpfer eines Nationalepos verehrt 
wurde, wer mit seinen Werken eine so nachhaltige Wirkung hervorzubringen vermochte, wie sie 
von Vergil besonders in der italienischen Poesie sich zeigt, der ist eben ein bedeutender Dichter, 



') Mau könnte auf den Gedanken kommen ans diesem letzten Umstände sa schlieljien, dafs Aen. X or- 
sprünglicb nicht im Zusammenhange mit der vorhergehenden Partie sondern unter anderer Voranssetznng gedichtet 
und nachträglich nur mangelhaft mit ihr xasammengefog^t wurden sei. Denn dafs die einzelneu BQcher der Aeneide 
zu verschiedenen Zeiten, nicht in der Reihenfolget iu der sie jetzt stehen, entstanden sind, ist bekannt. Aber für 
den vorliegenden Fall ist dieser Gesichtspunkt nicht verwertbar« Denn einerseits tritt die Annähmet dafs Aeneas 
in Italien schwere Kämpfe zn bestehen hat, in der ganzen Dichtung so sehr als notwendig und fast selbstver- 
ständlich hervor, anderseits ist die Übereinstimmung der besprochenen Scene mit ihren Vorbildern bei Homer so 
deutlich, dafs wir nicht anders können als eben ein Versehen konstatieren, das der Dichter begangen bat Vergl. 
die folgende Anmerkung* 



mögen wir nun im stände sein es mitzuempfinden oder nicht, und daran wird aucli durch die 
Thatsache nichts geändert, dafs wir ihm allerlei Fehler in Einzelheiten nachweisen können. Diese 
Thatsache, verbunden mit jenem Urteil, lill'st sich vielmehr zu einer ganz anderen Schlufsfolgerung 
verwerten. Wenn bei einem bedeutenden Dichter, wie Vergil ist, Widersprüche und Schiefheiten 
des Gedankens vorkommen, die in einer mifsverständlichen Nachahmung seiner Vorlage ihren 
Grund haben, so sind vielleicht die Fortsetzer der ältesten griechischen Epen, in deren 
Werken iihulicho Widersprüche und Schiefheiten sich finden, doch auch als Dichter nicht so 
ganz vei-ächtlich') ; und weiter: wer eines dieser Werke mit Benutzung der darin enthaltenen 
Widersprüche analysiert, der braucht deshalb noch nicht blind zu sein gegen die poetische Schönheit 
des Gedichtes, das er bearbeitet. Ein sehr bekanntes Beispiel bietet das Buch ^'ExTOQog Xvrqa, 
Dafe es jüngeren Ursprunges ist und in seiner Nachbildung das Vorhandensein der Uias wie der 
Odyssee voraussetzt, wird durch eine Fülle von Anklängen bestätigt, die teils auf unbewulster 
Reminiscenz, teils auf absichtlicher Nachahmung beruhen.*) Auch an Wunderlichkeiten und inneren 
Widersprüchen, die dabei entstanden sind, fehlt es nicht. Die übertriebene Angst des Idaios 



'} Weun hier der Versuch angedeutet ist, das, was am Vergil erkannt wurde, der Behandlang Homers 
zu ((nte kommen za lassen, so steht derselbe in einer Art von Gegensatz zn der Aufgabe, welche von Wilamo- 
witz-Möiiendorff, Homer, untersuch. (1884) S. 117, bezeichnet, indem er umgekehrt empfiehlt, die am 
Homer geübte Methode tür Vergil nutzbar zu machen. Beide Verfahrungsarten beruhen im Qrande auf demselben 
Gedanken und ergänzen sich wechselseitig:, sind also au sich beide berechtigt; für ihre Anwendung bedarf es in 
jedem einzelnen Falle einer genauen Untersuchung der gegebenen Verhältnisse. Gerade das von Wilamowitz an- 
gefiihrte Beispiel ist vielleicht nicht glücklich gewählt. Er maeht auf deu Widerspruch aufmerksam, der zwischen 
der Erzählung im ersten Buche und dem Anfang des zweiten bestehe: wer I gelesen habe, könne nicht glauben, 
dafs (II 8 f.) Mittemacht schon vorüber sei, als Aeueas beginne, auch pausten für diese Zeit seine Apologe nicht ; 
eine Berücksichtigung der ftnfderen Umstände der Erzählung fehle auch am Schlüsse des dritten Buches. In dem 
allen erkennt er eine Spur davon, dafs Aen. II ursprünglich als Binzelgedicht entworfen war. Wenn dies 
letzte richtig ist, so hat es doch mit jenem ersten, dem zeitlichen Mifsverbältnis zwischen I und II, schwerlich 
etwas zu thun. Wilamowitz erinnert ja selbst daran, dafs der Beginn einer langen Erzählung in so später Stunde, 
wie sie Vergil II 8 andeutet, an sich ungeschickt ist. Und dieser Anstofs bleibt bestehen, wenn wir auch 11 
von I trennen. Wo er herkommt, läfst sich, glaube ich, noch erkennen. Dafs Aeneas unter Berufung auf die 
vorgerückte Zeit sich zögernd entschliefst den Wunsch der Königin zu erfüllen, diesen Zug entnahm der Dichter 
aus / 880, wo Odyssens seine Erzählung abbrechen wiU, die er dann auf Wunsch der Zuhörenden fortsetzt; und 
den Ausdruck suadentque cadentia sidera somnos hatte er selbst Aen. IV 81 in vollkommen angemessenem Zu- 
sammenhange zuerst gebildet. Denn dort beschreibt er, wie Dido nachts, wenn die G^te sie verlassen haben, 
allein in dem öden Hause ihrem Schmerze sich hingiebt, während schon der Mond sein Licht dämpft und die 
untergehenden Gestirne zum Schlummer mahnen. Vielleicht wendet jemand ein, dem VergU geschehe mit einer 
solchen Erklärung Unrecht. Aber dafs er Wortverbindungen, die er selbst geschaffen hat, gern wieder verwendet, 
ist bekannt; und dafs er dabei zuweilen seine eigenen Gedanken allmählich verschiebt, bis sie schief werden, 
Ist oben (S. 4.7) an zwei Beispielen (cum flumine sancto, über agri) gezeigt worden. 

") Dieser Thatbestand ist ausführlich dargele^ in dem fleifsigen und verständigen Buche von Rudolf 
Peppmüller, Gommentar des vierundzwanzigsten Buches der Ilias, Berlin 1876. Man hat demselben die ver- 
diente Anerkennung nicht zu teil werden lassen, viehoaehr darüber gespottet mit allen den Schlagwörtern, in 
denen das glückliche Selbstbewufstsein einer bevorzugten ästhetischen Begabung sich zu äufsem pflegt. Und nicht 
blofs von thörichten Kritikern ist dies geschehen. Auch ein Mann wie Adolph Bömer hat es nicht unterlassen 
mögen von der wissenschaftlichen Höhe seiner sonstigen Leistungen zu dem bescheidenen Niveau herabzusteigen, 
auf dem sein Pamphlet ,, Ein Dichter und ein Kritiker vor dem Richterstuhle des Herrn R. PeppmtUler** (München 1877) 
sich nmherbewegt. Eine richtigere Würdigung von Peppmüllers Arbeit dürfte sich von dem Gesichtspunkte ans 
ergeben, der oben durch die Vergleichung der Homeriden mit VergU angedeutet worden ist 

8 



18 

Ü 355 f. hat nicht in der gegebenen Situation ihren Grund, sondern in der Anlehnung an E 244. 
249 ; die Säulenhalle an der Lagerhütte des Achilleus Ü 644, über die man notgedrungen allerlei 
kluges gesagt hat, würde dem Dichter selbst unbekannt geblieben sein, wenn nicht die Verse d 296 flf. 
zur Verwendung aufgefordert hätten. Trotzdem ist das Lied in manchen Partien von hoher 
dichterischer Schönheit, das Gespräch zwischen Achilleus und Priamos reich an Empfindung wie 
an Gedanken. Der Widerspruch ist eben nur ein scheinbarer: was wir in i2 haben, ist nicht eine 
Dichtung vom allerersten Bange, aber immer noch Dichtung, nicht genial und ursprünglichi aber 
durchdacht und empfindsam, in Mängeln und in Vorzügen dem nicht unähnlich, was Vergil in 
seiner Aeneide geschaffen hat. 

III. 

Kehren wir noch einmal zu der Scene im 01}rmp zurück, von der im vorigen Abschnitt 
die Rede war I Ihre Anlage erschien dadurch nicht glücklich, da£s es ihr sowohl an Vorbereitung 
wie an Wirkung fehlte. Beides kann man im allgemeinen von der Thätigkeit, welche den 
Göttern in der Aeneide beigelegt ist, durchaus nicht sagen. Der Held, von vorne herein 
durch seine Frömmigkeit ausgezeichnet, die ihm gelegentlich (XI 292) sogar den Vorzug vor 
Hektor verschafft, handelt überall nach dem Willen und auf den Rat der Götter; sein Unter- 
nehmen, dessen Ausführung den Inhalt des Gedichtes ausmacht, ist auf göttlichen Befehl be- 
gonnen, und jedesmal, wenn es Hemmung oder Förderung findet, liegt der Grund davon in dem 
feindlichen oder freundlichen Willen eines der Hinmilischen. Auch in diesem Punkte hat die 
homerische Poesie als Vorbild gedient, und zwar nicht nur für Vergil, sondern für fast alle Dichter 
alter und neuer Zeit. Dabei ist merkwürdig, dafs man eine psychologische Feinheit kaum be- 
achtet hat, welche Homer eben in der Auffassung und Darstellung des Wirkens der Götter auf 
die Menschen beweist, und welche zu verstehen und sich zu nutze zu machen viele Nachahmer 
unter ihnen Vergil, versäumt haben. Was hiermit gemeint sei, wird an einigen Beispielen 
deutlich werden. 

1. Wie Odysseus zuerst der Nausikaa und ihren Gespielinnen sich nähert, nackt, 
vom Schmutze des Meerwassers entstellt, mit einem belaubten Zweige seine Blöfse deckend, da 
ist sein Anblick den Mädchen so furchtbar, dafs sie entsetzt davon fliehen. Nur die Tochter des 
Königs bleibt stehen und erwartet ihn ; denn ihr giebt Athene Mut in die Seele. Auf seine Bitte 
erhält Odysseus, was er zunächst bedarf, und nachdem er sich im Flusse gebadet und mit Ol ge- 
salbt und Leibrock und Mantel angelegt hat, tritt er wieder vor die staunende Jungfrau : der vor- 
her so häfslich erschien, gleicht jetzt den Göttern an Schönheit. Denn Athene, unablässig um 
den Freund bemüht, hat ihn grö&er gemacht und stattlicher und, wie der Künstler ein silbernes 
Gerät vergoldet, so hat sie dem Helden um Haupt und Schultern Anmut ausgegossen. Hier ist 
ohne Zweifel ein wunderbares Eingreifen der Gottheit ; aber es bringt nichts in die Handlung hin- 
ein, was nicht auch im natürlichen Gang der Ereignisse hätte geschehen können; was für die 
nüchterne Betrachtung eine Folge des Bades und der glänzenden Gewänder ist, erscheint in der 
Phantasie des Dichters als eine übermenschliche Gtibe*). — Viel häufiger zeigt sich derselbe 
Parallelismus da, wo es darauf ankommt, den plötzlichen Entschlufs, welchen ein Mensch fafst. 



') Ähnliob spricht über diese Stelle Neermann S. 3, der aber deu obeu aiiRgefäbrtcii Gedanken nur hier 
berührt und nicht weiter verfolgt hat. 



19 

zu begründen. Eben Nausikaa ist (X ^^) ^^ Traume durch Athene erinnert worden, dafs es un> 
recht sei die herrlichen Gewänder unbesorgt liegen zu lassen, während yielleicht ihre Hochzeit 
nahe bevorstehe ; denn schon seien die Edelsten unter den Phäaken als ihre Freier hervorgetreten ; 
nicht mehr lange werde sie unvermählt bleiben. Was ist menschlich begreiflicher als dieser Ge-^ 
danke, auch ohne göttliche Eingebung ? Und wie hier die erste Ahnung von Glück und Liebe im 
Herzen der Jungfrau, so zeigt uns der Dichter an einer anderen Stelle das Erwachen selbständiger, 
mannhafter Gedanken, das den Elnaben zum Jüngling macht. Jahre lang hat Telemach das 
schamlose Treiben der Freier mit angesehen, dem die Mutter, die wenigen treuen Freunde des 
Hauses wehrlos gegenüberstehen. Immer mehr wächst in ihm der verhaltene Grimm; aber all- 
mählich reift auch dor heldenhaftie Sinn, der ihn seines Geschlechtes würdig macht, und das Be- 
wulstsein des männlichen Berufes, den er an Stelle des abwesenden Vaters erfüllen soll. Und wie 
er zum ersten Male mit dem Gefühl der Überlegenheit seiner Mutter entgegentritt, dann kühn 
entschlossen den Freiem seinen Willen verkündigt, da ist es denen, die ihn hören, als sei eine 
wunderbare Veränderung mit ihm vorgegangen (« 360. 382). Das weifs der Dichter und das will 
er ausdrücken, indem er Telemachs EntschluiB als die Folge eines übernatürlichen Einflusses dar- 
stellt: Athene in Mentes' Gestalt hat ihn besucht, mit klugem B^t ihm zugesprochen und Mut 
und Selbstvertrauen in seiner Seele geweckt. — Athene ist es auch, welche in A den Achilleus 
von unbesonnener That zurückhält. Als er im Zorn über die verletzenden Worte des Atriden 
ans Schwert greift, um den Übermütigen zu züchtigen, der ihm seine Ehrengabe rauben will, da 
steht plötzlich die Göttin hinter ihm und ergreift ihn bei den blonden Haaren, ihm allein sichtbar, 
und ermahnt ihn inne zu halten; die Zeit werde kommen, wo jener sein Unrecht bereuen und 
durch dreifache Geschenke wieder ^t machen müsse. Hier ist der natürliche Vorgang in der 
Seele des Helden, welchem in der Phantasie des Dichters das Eingreifen der Gottheit entspricht, 
auch äujGserlich angedeutet {A 189 ff.). Achilleus selbst ist in Zweifel, was er thun soll, das 
Schwert ziehen und den Gegner erschlagen oder seinen aufwallenden Zorn bezwingen; und daüs 
er sich fiir das zweite entscheidet, wäre für eine nicht poetische Auffassung der Dinge zwar viel- 
leicht überraschend, aber keineswegs unerklärlich. 

In allen bisher besprochenen Fällen ist es freundliche Fürsoi^e, welche die Tochter des 
Zeus antreibt durch ihre Ratschläge das Handeln eines Menschen zu lenken. Aber nicht immer 
in so guter Absicht steigt sie vom Olymp herab. Durch sie wird Pandaros bethört, daCs er 
gegen den arglosen Menelaos seinen Pfeil abdrückt. Ein verhängnisvoller Schuls; denn er be- 
deutet einen Bruch des Waffenstillstandes und hat den Wiederbeginn des Kampfes und somit in- 
direkt alles spätere Blutvergieüsen zur Folge. Sollte eine so entscheidende Wendung des Schicksals 
ohne göttlichen Batschluüs, nur durch die zu&llige Laune eines Einzelnen eingetreten sein ? Nein, 
eben deshalb ist Athene, von Zeus gesendet, in der Gestalt eines Kriegsgefkhrten zu Pandaros 
gegangen imd hat ihm den trügerischen Bat gegeben. Was der Dichter sie dabei sagen läGst 
(J 93 ff.), wie sie auf die günstige Gelegenheit hinweist, Buhm und Ehre yon allen Troern, be- 
sonders aber vom Alexandres, und dazu herrliche Geschenke zu ernten : das sind genau dieselben 
Gedanken, die sich in der Seele eines Menschen regen, wenn er dem Beiz einet mächtigen Ver- 
suchung unterliegt. — Noch weniger eines Gottes würdig erscheint uns das Verhalten der Athene 
gegen Hektor in dessen letztem Kampfe; und doch ist auch dieses vom Dichter mit groÜBer 
Weisheit erftmden und yerwertet. Als Hektor yor Achilleus fliehend zum vierten Male den Lauf 

um die Stadt beginnt, da naht ihm scheinbar Hülfe : Athene, unter dem täuschenden Bilde seines 

3* 




20 

Bruders Delphobos, tritt zu ihm und spricht ihm Sfut ein, dal'a er stehen bleibt uud dem grim- 
migen Feinde entgegengeht. Das Bewulstacin der oigenon Heldengröfee, welche ein Augenblick 
menschlicher Schwäche ihn hat vergessen machen, ist wieder in ihm erwacht, als er xieht, Aak 
es doch vergebens war dem Kampfe entrinnen zu wollen. Wenn nachher die Göttin plötzlich 
für ihn verschwindet, dem Ächilleus aber seine Lanze, welche im Boden stecken geblieben ist, 
zurückbringt, so scheint hier allerdings die Wirksamkeit, welche ihr beigelegt ist, eine fiufacrliche, 
mechanische zu sein. Aber sie erweckt in uns den Gedanken, dais ohne die übernatürliche Hülfe, 
welche dem Gegner zu teil geworden ist, Hcktor doch vielleicht nicht hätte besiegt worden 
können. Und wenn wir uns erinnern, wie sehr dieser Gedanke der Vorstellung entspricht, die 
wir von dem gewaltigen Helden sonst gewonnen haben, so wird jetzt erst klar, wie die be- 
sprochene Scene sich auf das natürlichste in den Plan des ganzen Epos oinfUgt. Hektor war nicht 
nur unter den Trojanern der stärkste und tapferste, auch unter den Griechen, denen er in 
zehnjährigem Kampfe widerstanden hat, war keiner der Helden ihm völlig gewachsen aufscr 
Achillous {H 93. 113); trotzdem mufste er fallen: das scheint unmöglich gewesen zu sein, ohne 
daCs ein Wunder geschah. Und eben von einem solchen weifs der Dichter zu erzählen. 

2. Neben Athene werden in ähnlicher Thfttigkoit zuweilen, obgleich viel seltener, auch 
andere Götter eingeführt, z. B, Zeus, wenn er durch einen Traum den Agamemnon veninlafst 
den Kampf wieder zu heginnen {B 26 ff.) oder wenn er den von Freundschaft bogoistorten Glaukos 
verblendet, iaSs er seine goldene Rüstung gegen die eherne des Diomedcs vertauscht (Z 234). 
In beiden Fällen ist das, was man mit einem weniger schönen als deutlichen Ausdruck das 
psychologische Korrelat der vom Dichter angenommenen göttlichen Einwirkung nennen 
könnte, leicht erkennbar. Ich denke, man wird mich nicht mifsverstehen, als hiitte ich hier etwa.s 
wie allegorische oder symbolische Darstellung im Sinne; dergleichen ist dein halb unbewufst 
schaffenden Geiste der Volksdichtung fremd. Das wirkliche Verhältnis') ist vielmehr dieses. 
Zweierlei war in der Seele des Dichters zugleich vorhanden : genaue Kenntnis von dem Leben 
und Treiben der Uenschen und lebendige Überzeugung von dem Anteil, welchen die Götter daran 
nehmen. Indem er eine überlieferte oder erfundene Geschichte von einfachem Verlauf erzählte 
und mit der Weisheit, welche durch eine reiche Lebenserfahrung genährt war, Schicksale und 
Th:ilru dir Menschen ausmalte, geriet es ihm so glücklich, dafs seine Personen nicht anders 
handeln iiud sprechen, als eben wirkliche Menschen zu handeln und zu sprechen pflegen. Der 
Zusiimmenhang der Erzählung wurde ein eben so natürlicher wie der des wirklichen Lebens ist. 
Aber dieser natürliche Zusammenhang liegt im Leben nicht überall offen zu Tage ; der Übergang 
von dem i'rsten Reiz, der in der Seele des Menschen entsteht, bis zur vollendeten That bleibt 
für den Bctiachter immer etwas Geheimnisvolles. Und hier trat nun fiir den Dichter der Ge- 
danke au ein göttliches Wirken ganz von seihst ein, um die Lücke auszufüllen oder richtiger, zu 

'] Dies VerhiÜtniB ist richtig empfanden, aber in Worten nnr «Dgedeatet von Delille in der Vorrede eq 
seiner üben (S. 11) erwähnten Überaettung der Aeneide 1e poSte doit äviter dans ses fictiona de montrer les vo- 
IoDt&) et les paasioDH de ses bäros, sonrces si föcondea d'int^rSt, imp^rieasement maiErie^es par nn ponvoii sd- 
prSmc. Der Verf. bespricht dann du Beispiel des Achilleas ans j4 and schliefst: ainsi le leotear joait b-Ia-fois 
de tdut ce <)n'a d'imposant rinterrention des dieaii et de toat ce qn'ont d'intäressant les moaTemeuts d'une ame 
ardente et passiooD^e. Hätte Delille es aatemomraen sein« B«gel mit einer gröfseren Zahl von Beispielen aus 
Vergil zu beleih, so würde ihm der Uaterschied, der hier zwiacben dem sriecbischen and dem römischen Dichter 
besteht, nicht haben entgehen kOnnsn. 



21^ _ 

verdecken. Denn in Wahrheit ist ja der Zusammenhang nicht zerrissen; die Fäden, welche ihn 
halten, liegen nur eine Strecke weit im Verborgenen, und blofs der Seelenkundige versteht es, 
mehr durch glücklichen Takt als durch Berechnung, sie drüben wieder zu finden und so weiter 
zu spinnen, als habe gar keine Unterbrechung stattgefunden Es leuchtet ein, dals alles anders 
werden mufs, wenn dem Dichter der tiefe psychologische Sinn und der lebendige Glaube an die 
Götter fehlen, oder auch unreines von beiden: das bedeutende, organisch entwickelte 
Ornament wird zum unverstandenen Zierat, nicht anders als in der Baukunst^). Da- 
nach wäre es zu verwundem, wenn in den Stücken, welche durch spätere handwerksmäfsige Arbeit 
den alten griechischen Epen hinzugefügt worden sind, nicht Beispiele einer mifsverständlichen, 
mechanischen Verwendung göttlicher Thätigkeit sich fenden. Und wirklich finden sie sich. Zu 
ihnen gehören, um nur etwas aus jeder der beiden Dichtungen anzuführen, das halb lächerliche 
Auftreten der Götter in und die Erleuchtung des Gemaches durch Athene in t, welche Kirch- 
hoff so köstlich charakterisiert hat. 

Das angegebene Merkmal der Echtheit oder Unechtheit liefse sich leicht in weiterem 
Umfange am Homer erproben; doch das ist hier nicht unsere Aufgabe. Für Vergil lagen Hias 
und Odyssee abgeschlossen so vor, wie auch wir sie kennen, und man wird nicht erwarten, dafs 
er an ihnen Lachmannsche Kritik habe üben sollen. Aber auch in der überlieferten Gestalt der 
Gedichte überwiegen die Beispiele psychologisch gerechtfertigter Einführung der Götter an Zahl 
weit über die nachgemachten ; und vollends an poötischem Werte sind sie ihnen so deutlich über- 
legen, daijs wir uns recht wohl einen Dichter denken können, der den Unterschied bemerkt und 
sich vor der falschen Art gehütet hätte. Vergil hat das nicht gethan. Zwar giebt es auch in 
der Aeneide Stellen, an denen Air ein göttliches Eingreifen das psychologische Korrelat vorhanden 
ist, z. B. Aen. IT 588 ff., wo Venus den Aeneas zurückhält die verhafste Helena zu töten*), 
oder Aen. I 657 ff., wo Cupido in der Gestalt des Ascanius bald an Aeneas bald an Dido sich 
anschmiegt (715. 718) und die Herzen der beiden zur Leidenschaft entflammt, oder V 605 ff., wo 
die trojanischen Frauen auf Anstif(;en von Iris-Beroö die Flotte anzünden. Aber im ganzen ist 
die Dichtung, wenn ich ein zuvor gebrauchtes Bild noch einmal anwenden darf, nicht nur über- 



') Konsolen und Sftulen seheiueu oft als Glieder in einem architektonischen Ganzen eine bedeutende List 
zu tragen, wahrend diese in Wirklichkeit von Balken oder eidernen Trägern gehalten wird, die inwendig ange- 
bracht sind. Das Auge ist befriedigt, weil das Ornament eine Lücke ausfüllt und in schöner Form ein mecha- 
nisches Yerhilltnis ausdruckt, das sonst verborgen bleiben würde. Aber wirklich vorhanden sein mafs dieses Ver- 
hältnis, sonst hört die Befriediguiig anf. Eine Eonsole, die nichts zn tragen hat. ist ebenso geschmacklos als die 
Freitreppe vor der Fagade eines prächtigen Gebäudes» die eu einer unbedeutenden, verschlossenen Thür empor- 
fübrt, während der allein benntste Eingang zu ebner Erde sich befindet. Vergils Götterversammlung in Aen. X 
(oben S. 16} gehört in dieses Genre der Ornamentik, ebenso Hektors Erscheinung im Traume des Aeneas II 268 ff., 
über weiche Neermann S. 7 f. handelt. 

*) Diese Stelle, auf welche auch Delille a. a. 0. hinweist, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Scene 
in yi zwischen Achill und Agamemnon: die natürlichen Gedanken» welche die Ansführang eines fibereilten Ent- 
schlnsses hemmen, sind hier der Venus in den Mund gelegt wie dort der Athene. Aber charakteriBtisch ist nun 
wieder der Unterschied zwischen beiden Dichtem. Athene steht» nur für Achilleus erkennbar, hinter ihm und 
greift ihm in die Locken; Venns erscheint strahlend in hellem Lichte mitten im Dunkel der Nacht, so deutlich 
wie nie zuvor dem Sohne, als Göttin sich offenbarend, qualisqne videri caelicolis et quanta solet. Auch in den 
beiden anderen oben citierten Scenen vi 667 ff. V 606 ff.) wird die poetische Wahrheit des Erfundenen dnrch die 
Pracht der Ansführang zum Teil verdeckt. 



22 

haupt mit Ornamenten reichlich ausgestattet, sondern auch vorzugsweise mit unverstandenen Orna- 
menten']. Die Einwiikung höherer Mächte auf die Entschlüsse der Menschen ist bei Yeigil meist 
eine mechanische, zuweilen eine gewaltsame und widernatürliche. Dies soll jetzt durch Vor- 
führung der wichtigsten Beispiele erläutert werden. 

3. Während der Überfahrt von Sicilien nach Italien wird der Steuermann Parlinurus 
vom Schlafe überwältigt und fiült vom Schiffe herab ins Meer. Dem Dichter erscheint dieser 
natürliche Vorgang als ein Werk des Schla^ottes, welcher in der Gestalt des Trojaners Phorbas 
den unglücklichen beredet, dem günstigen Winde zu vertrauen und eine Weile auszuruhen; er 
selbst wolle so lange das Amt des Steuermannes versehen (V 846). Bis hierher ist alles in 
Ordnung. Auch dafs Palinurus, obwohl er kaum -noch die Augen aufschlagen kann, doch dem 
falschen Freunde widerspricht und sein Anerbieten zurückweist, kann man daraus erklären, dafs 
der Kampf, welchen Gewissenhaftigkeit und Müdigkeit in ihm führen, habe dargestellt werden 
sollen. Aber nun kommt es anders. Der Gott begnügt sich nicht mit seiner Zauberrute den 
Müden zu berühren, dafs er vollends einschläft; sondern, nachdem dies geschehen ist, legt er selber 
Hand an, und sich anstemmend stürzt er den Palinurus samt dem Steuerruder, das der Brave nicht los- 
läfst (vielleicht nach ^^ 281 ?), und einem Teile der Schiffswand kopftiber in die Fluten hinab (V 858 f.). 
Wozu dann das ganze Gespräch, wenn doch rohe Gewalt den Ausschlag geben sollte? — Die 
unmittelbar körperliche Wirkung eines Zaubermittels wie des mit lethäischem Safte getränkten 
Zweiges tritt noch stärker hervor in der Thätigkeit der Alekto, welche, von Juno angestachelt, 
Feindschaft gegen die Trojaner bei den Latii^em erregt. Zuerst naht sie (VII 343) der Königin 
Amata, die bereits von Sorge wegen der Vermählung ihrer Tochter mit Turnus und von Groll 
gegen die Fremden erfüllt ist. Hier war also die psychologische Voraussetzung gegeben für die 
Wut, zu welcher die Furie sie aufhetzt. Aber Vergil hat die gegebene Voraussetzung nicht be- 
nutzt; er war nicht zuMeden durch Worte die Leidenschaft steigern zu lassen: ein leibhaftiges 
Wunder mufste geschehen. Aiekto reifst sich eines ihrer Schlangenhaare aus und wirft es der 
Ahnungslosen an; unter dem Gewände gleitet die Schlange über den Leib der Königin, bald um- 
giebt sie als goldene Kette ihren Hals, bald durchflicht sie als Binde ihr Haar und haucht ihr 
mit giftigem Atem Wahnsinn in die Seele. Man sieht: die übernatürliche Einwirkung, ursprüng- 
lich eine poetische Form der Darstellung, wird in dieser vergröberten Auffassung zur Hauptsache; und 
zwar in diesem Falle ganz ohne Not, weil in dem Seelenzustande der Amata ein Ausbruch des 
Zornes vorbereitet war. Etwas anders bei Turnus. Sorglos liegt er und schläft; da erscheint 
Alekto, als Priesterin der Juno verkleidet, und macht ihn auf die drohende Gefiedir aufmerksam 
(VII 419 ff.): ob er zugeben wolle, daGs ihm der Lohn so vieler Mühen entrissen werde? die 
Götterkönigin selbst lasse ihn auffordern die Waffen zu ergreifen, die Phrygier zu vernichten und 
von Latinus die Erfüllung seines Versprechens zu erzwingen. Turnus ist weit davon entfernt 



*) Die Analogie hört hier aaf volUtändig zu sein, aber gerade in lehrreicher Weise. Wenn eine Person 
der Dicbtnng von den Göttern geiwungen einen Entschlnfs ^fst, der ans natürlichen VorauBsetiongen nicht er- 
klärt werden kann, so wäre der entsprechende Fehler in der Bankonst nioht ein Ornament, das nichts za leisten 
hat, sondern etwa eine Konsole, welche die Last, die sonst nur znm Sohein auf ihr raht, wirklich tragen soll, 
weil ein festes inneres Gefüge aus Balken and Trägem nicht vorhanden ist. Dafs dieser Fehler selbst in unserer 
modernen Imitations- Architektur kaum vorkommtt hat in praktischen Rfloksichten seinen Gnmdi die es fireilich 
in der Dichtkonst nicht giebt. 



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n 

der Mahnerin williges Gehör zu schenken: die Gefahr sei noch nicht so gro&, und Juno werde 
seiner nicht vergessen ; Alter und ürteilsschwäche habe die unnötige Sorge yerursacht ; Calybe — 
das ist der Name der Priesterin — möge sich um den Dienst in ihrem Tempel kümmern und den 
Krieg den Männern überlassen. Diese derbe Zurückweisung erregt den Zorn der Furie. Nun 
erscheint sie in ihrer wahren Gestalt, ^e Flammenaugen rollend, das Haupt starrend von zischen- 
den Schlangen. Mit der Geifsel, welche sie führt, peitscht sie den Verwegenen und spricht dazu 
höhnische Worte. Dann schleudert sie ihm eine brennende Fackel gegen die Brust, dafs er in 
Schweilüs gebadet erwacht. Der Zweck ist jetzt erreicht: nach Waffen verlangt Turnus und ruft 
in wilder Kriegslust die Genossen zum Kampfe gegen die Teukrer zusammen. — In dieser ganzen 
Scene, die von Yeigil in den wirksamsten Farben ausgemalt ist, sucht man vergebens etwas, 
woraus sich ihre poötische Berechtigung erkennen lieljse. Eine vollständige Umkehr in der Ge- 
sinnung des Mannes wird auf ganz gewaltsame Weise herbeigeführt ; und das, um einen Entschlujjs 
zu begründen, der im Voraus als natürlich, ja als notwendig erscheinen muliste. Denn Turnus 
wird durch die Ankunft des Aeneas in der That empfindlich geschädigt, und dafs er davon so 
gar keine Notiz nimmt, ist an sich eine unnatürliche Annahme, nur gemacht, um für die nach- 
folgende, ebenso unnatürliche Änderung seines Sinnes Platz zu schaffen. 

In den bisher besprochenen Fällen liegt das Alechanische eigentlich nur in der Aus- 
führung ; den Schlaf des Pajinurus, den Wahnsinn der Amata, die Kampf begier des Turnus hätte 
der Dichter sehr gut innerlich begründen können, weiin er gewollt hätte. In viel gröfserem Um- 
ÜEtnge hat er von einer mechanischen Verbindung der Ereignisse da Gebrauch gemacht, wo eben 
nach den Voraussetzungen seines Epos eine andere nicht möglich war. — Der alte Anchises ist 
fest entschlossen sein Haus nicht zu verlassen, nicht zum zweiten Male die Zerstörung seiner 
Vaterstadt zu überleben (II 642 f.). Vergebens bemühen sich die Seinigen ihn zur Flucht zu 
überreden: er bleibt unbeweglich auf dem Platze, den er sich gewählt hat, auf dem er sterben 
will. Schon hat sein Söhn alle Hoffnung aufgegeben und ist im Begriff sich von neuem unter 
die Feinde zu stürzen, um selbst den Tod zu finden: da zeigt sich eine plötzliche Wunder- 
erscheinung. Das Haupthaar des kleinen lulus steht in Flammen, ohne vom Feuer 
verzehrt zu werden. Sofort ahnt der Greis den gnädigen Willen der Götter ; aber noch bittet er 
vorsichtig um ein zweites, stärkeres Zeichen (691)^ und erst als dieses von Jupiter gegeben ist, 
der einen leuchtenden Stern vom Himmel herabfallen IfSSst, erst da entschliefst sich Anchises den 
Auszug des Aeneas zu begleiten. So macht man sich auf den Weg, zunächst ohne be- 
stimmtes Ziel; denn die Götter, die das Ganze arrangieren, lassen nur sehr allmählich erkennen, 
wo das Land liege, in dem ein anderes Troja gegründet werden soll. Eine wunderbare Ver- 
kündigung schliefst sich immer an die andere an, erläuternd, ergänzend, aber nie vollständig auf- 
klärend. Die erste Andeutung der grolsen Aufgabe, welche dem Geschlechte des Aeneas gestellt 
ist, hat Hektor gegeben ; nun erteilt die abgeschiedene Creusa bestimmtere Weisungen (II 780). 
Aeneas &hrt nach Thracien und &ngt an eine Stadt zu bauen ; aber die Seele des vom thracischen 
Könige gemordeten Polydorus heifst ihn weiter ziehen (III 44). Er kommt nach Delos, nach 
Greta in der Hoffnung dort die neue Heimat zu finden; aber Apollo und die von Troja mitge- 
führten Penaten deuten in weitere Feme (IIL 94. 163): Hesperien, den ältesten Wohnsitz des 
dardanischen Stanunes, sollen die Auswanderer aufsuchen. Auf der Fahrt dahin laufen sie die 
Strophaden an, um einen Fluch der Harpyien mit auf den Weg zu nehmen (III 250). Dann 
gelangen sie nach Epirus und finden gastliche Aufnahme bei Helenus, der dort in glücklichen 



24 

Verhältnissen lebt; er ist Seher von Beruf und darf wieder ein neues Stück von dem bevor- 
stehenden Schicksal oflfonbaren (III 379). Bis Sicilicn hält seine Prophezeiung vor. Beim zweiten 
Aufenthalte auf der Insel erscheint Auchises dem Aeneas im Traume und fordeii; ihn auf ihn in 
der Unterwelt zu besuchen (V 733j ; die cumäische Sibylle werde ihm den Weg zeigen. Das 
geschieht. Nachdem der Held, mit den Ratschlagen seines Vaters (VI 81)0) ausgestattet, zu seiner 
Flotte zurückgekehii; ist, gelangt er in ungestörter Fahrt von Cumae nach Latium, dem Schau- 
platze seiner Thaten, wo endlich der Flufsgott Tiberinus (VIII 39) die Reihe der wunderbaren 
Wegweiser abschlielst. — So viele Stationen auf dieser Reise aufgezählt sind, beinahe ebenso oft 
mufs der Entschlufs gefafst werden weiter zu fahren; aber nirgends ist derselbe menschlich er- 
klärbar. Aeneas, der Stammvater des grofsen römischen Volkes, erscheint uns wie ein Kind, das 
am Qängelbande geführt wird, wie eine Gliederpuppe, die dem leisesten Drucke der Finger, die 
mit ihr spielen, nachgiebt. Nur einmal macht er einen Ansatz zu selbständigem Auftreten und 
zeigt eigenes Empfinden und, wenn auch nicht Wollen, doch Wünschen. Von dieser Episode, 
die zwischen den ersten und den zweiten Aufenthalt auf Sicilien fällt, mufs jetzt die Rede sein. 

Als Aeneas mit seiner Flotte an die Küste von Afrika verschlagen ist, beklagt sich 
Venus bei dem Vater der Götter und Menschen darüber, dafs die Trojaner noch immer von dem 
versprochenen Ziele, der Herrschaft in Italien (I 252), fern gehalten werden. Jupiter antwortet 
begütigend und schildert in ausführlicher Rede die künftige Gröfse des römischen Reiches; dann 
schickt er den Merkur nach Karthago, damit die Stadt, die sonst für alle Fremden ver- 
schlossen ist (I 540. 564), den Trojanern gastfreundlich sich öffne (I 298). Merkur führt den 
Auftrag aus, und auf seinen Befehl fassen die Punier und ihre Königin eine freundliche Gesinnung 
gegen die Teukrer (303). Auf welche Weise Merkur dies bewirkt habe, wird nicht erzählt; die 
Sinnesänderung, die er anordnet, ist psychologisch nicht vorbereitet. Man begreift auch nicht, 
was Jupiter und Venus (vgl. I 661 f.) für ein Interesse daran haben, dem Helden einen längeren 
Aufenthalt in Karthago zu verschaffen ; aber diesen Aufenthalt einmal vorausgesetzt, ist die weitere 
Entwickelung eine natürliche. Wir sehen die Liebe, welche Aeneas und Dido verbindet, ent- 
stehen, wachsen, zu verzehrender Leidenschaft sich steigern. Dies alles ist wahr und lebendig 
geschildert bis zu dem Augenblicke, in dem eine neue Wendung eintritt. Aeneas verläfst Afrika ; 
aber nicht nach eigenem Entschluis thut er daSj sondern auf Befehl Jupiters; und nicht einmal 
Jupiter hat den Entschluijs selbständig gefafst, sondern er ist durch den eifersüchtigen larbas da- 
zu angetrieben worden. Wieder steigt Merkur zur Erde hinab und überbringt die schlimme 
Botschaft. Aeneas ist starr vor Schrecken (IV 280), er hat das gröJste Mitgefühl mit der Ge- 
liebten, er sucht sie zu trösten (Italiam non sponte sequor 361): aber er gehorcht dem göttlichen 
Willen und befiehlt den Genossen zur Fahrt sich zu rüsten. Doch den Himmlischen scheint der 
Erfolg noch nicht gesichert. Schon ist alles zur Abfahrt bereit, Aeneas reibst ruht in der Nacht 
an Bord seines Schiffes; da erscheint von neuem der Götterbote und mahnt zur Eile. Mit dem 
verleumderischen „Varium et mutabile semper femina" (569) krönt er seine Rede: damit Dido 
keine Zeit behalte die Treue zu brechen, soll Aeneas ihr zuvorkommen. Nun zögert dieser nicht 
länger und läfst die Anker lichten. Das Gefühl seiner Schuld nimmt er mit, aber zugleich das 
beruhigende Bewufstsein, dafs er gezwungen davongegangen sei (VI 460). 

4. Hier ist keine Spur von einem inneren Zusammenhange. Das Eingreifen der Götter 
ist nicht nur nicht, wie bei Homer, der poetische Ausdruck für das, was die Seele des Menschen 
bewegt, sondern es steht in ausgesprochenem Gegensatz zu dieser Bewegung. Und ähnlich war es 



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in den meisten vorher besprochenen Beispielen, namentlich in der ganzen Kette von Prophezeiungen, 
durch welche die Irrfahrten des Aeneas geleitet werden. Auf diese Weise haben bei Vergil die 
Machte, welche die Welt regieren, scheinbar einen viel bedeutenderen Anteil an der Handlung 
als bei Homer. Wenn man aus Ilias oder Odyssee jede Erwähnung der Götter wegstreicht, 'so 
bleibt eine Erzählung übrig, die zwar weniger poetisch ist als die homerische, aber immer noch 
in sich zusammenhängend und vollkommen verständlich; wenn man aber aus der Aeneide das 
fortnimmt, was die Götter sagen und thun, so behält man nichts als eine Keihe zusammenhang- 
loser, unverständlicher Bruchstücke. Aber nur scheinbar ist dieser Anteil an der Handlung von 
gröfeerer Bedeutung. Denn eben das Übertriebene der Darstellung erinnert daran, dafs der 
Dichter selbst an die Götter und an ihr Walten nicht mehr glaubt. Alle Wunderthaten, von 
denen er erzählt, vermögen nicht den Eindruck einer lebendigen religiösen Überzeugung hervor- 
zubringen, der dem Sänger des alten griechischen Epos unbewufst gelingt. Man könnte meinen, 
hier sei ein notwendiger und allgemeiner Unterschied zwischen Volkspoesie und Kunstpoesie. Das 
wäre doch ein Irrtum. Es giebt auch in der letzteren zahlreiche Fälle, in denen das Göttliche, 
Übcraatürliche ganz im ursprünglichen Sinne angewendet erscheint. Und hierin liegt ein Mafs- 
stab für die Tiefe der psychologischen Auflfassung, deren ein Dichter ftlhig ist. In Sophokles' 
,,Philoktet** bringt zwar zuletzt Herakles, der in den Wolken erscheint, die Lösung; aber diese 
ist durch die vorangehende Handlung, durch den Edelmut des Neoptolemos innerlich begründet; 
ja, der Held selber ist bereits schwankend geworden, ob er nicht dem Rate des Freundes folgen 
soll (1350 f.). Dafe die Entscheidung in solchem Zweifel, die geheimnisvoll im Innersten der mensch- 
lichen Seele sich vollzieht, hier einer übernatürlichen Einwirkung zugeschrieben ist, konnte keinen 
von den Zuschauern stören, für welche die Götter des Olymp wirkliche Wesen waren, deren guten 
oder bösen Willen sie selbst täglich erfuhren. Der Dens ex raachina war ursprünglich eine poetische 
Form und als solche berechtigt; erst die grübelnde Dichterarbeit eines Euripides, der nicht 
mehr an die Götter glaubte (Troad. 884), hat ihn zu dem gemacht, wofür nun sprichwörtlich sein 
Name gilt, zu einem künstlichen Instrument, mit dem der Dichter den Knoten zerhaut, den er 
nicht lösen kann. Die Hexen in Shakespeares „Macbeth** sprechen nichts anderes aus als 
die ehrgeizigen Gedanken, welche in der Seele des Helden entstehen. Ich verwahre mich noch 
einmal dagegen, dafs man dies „Allegorie** nenne. Der Dichter hat die übernatürlichen Wesen, 
welche damals im Volksglauben lebten, sich zu nutze gemacht, um den wirklichen, psychologischen 
Zusammenhang der Handlung, den er mit eindringendem Blicke durchschaute, in poetischer 
Form anschaulich darzustellen ; die unheimlichen Gestalten der Hexen verkörpern die dämonische 
Gewalt der bösen Gedanken, die aus dem Herzen des Menschen kommen. Der Geist im „Hamlet** 
spielt eine ähnliche Holle. Von verwandter Art ist auch die Wirkung des Minnetrankes bei 
Gottfried von Strafsburg. Dafs derselbe von Isolde und Tristan statt Weines genossen 
wird, ist Zufall, und wenn man diesen Umstand mit der vorhergehenden und nachfolgenden Schil- 
derung der Stimmung beider zusammennimmt, so erscheint das Wunder nur als der poetische 
Ausdruck für einen menschlich wahren, psychologisch begreiflichen Vorgang. Ein neuerer „Dichter**, 
von dem derselbe StoflF in eine Art von dramatischer Form gebracht worden ist, hat das Zauber- 
motiv vergröbert und dabei die beiden Fehler, welche in der Einführung des Übernatürlichen ge- 
macht werden können, mit einander verbunden: er hat ihm zugleich zu wenig und zu viel Be- 
deutung beigelegt. Zu wenig : denn die Leidenschaft, welche der Trank erzeugen soll, ist in dem 
früheren Verlauf der Handlung nicht vorbereitet, sondern im voraus fertig; zu viel: denn nicht 

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ein Zufall führt den Genufs des Giftes herbei, sondern menschliche Veranstaltung. Natürliche 
und übernatürliche Elemente sind in der Handlung aufs engste mit einander verschlungen und 
zwingen uns zwischen zwei Auffassungen zu wählen: wir müss^ entweder wörtlich glauben, was 
uns vorgemacht wird, oder über die Naivetät des Verfassers lächeln, die uns dergleichen zumutet. 



Wo gerate ich hini Von der klassischen Dichtung des augusteischen Zeitalters bis zu den 
Geschmacklosigkeiten moderner Opemtexte, welch' ein Abstand! Freilich kann das Verständnis 
einer bedeutenden litterarischen Erscheinung nur gewinnen durch die Menge der Beziehungen, in 
die wir sie zu bringen vermögen; doch kehren wir zu derjenigen zurück, die uns hier vorzugs- 
weise beschäftigt hat und die für Vergil immer eine der natürlichsten bleiben wird, zur Vei- 
gleichung mit Homer. Durch drei Stufen haben wir sie verfolgt, indem wir erst die Übertragung 
einzelner Worte, dann die Verwertung gegebener Motive der Handlung, endlich die Auffassung 
eines ganzen groüsen Elementes der Sage, des Göttlichen, betrachteten. Überall verriet sich die 
Nachahmung durch Unebenheiten und Anstöfse in dem Kunstwerk, das durch sie hervorgebracht 
ist. Worte und Gedanken bei Homer sind in der Regel in dem Zusammenhange entstanden, in dem 
wir sie lesen; diejenigen dagegen, welche Vergil uns bietet, sind grofsenteils von ihm fertig vor- 
gefunden und dann durch eine nicht immer ganz geschickte Arbeit zusammengefügt worden. Hier 
ist etwas äJhnliches, wie wir täglich im Gespräche erfahren köimen. Die Unterhaltung mit einem 
bedeutenden Menschen ist dann erst recht erfreulich, wenn wir den Eindruck gewinnen, das, was 
er sagt, sei in dem Augenblicke und in der Form, wie es uns mitgeteilt wird, wirklich gedacht 
und empfunden worden. Das Zuvorgedachte, fertig Geformte, jetzt nur so aus dem Kasten Ge- 
nommene kann uns belehren ; aber uns zu fesseln vermag es auf die Dauer nicht. In der Unter- 
haltung beruht hierauf geradezu das Geheimnis des Interessanten. Und wenn es in der Poesie 
ähnlich ist, wer möchte nicht dem Ursprünglich-geschaffenen vor dem KunstvoU-erarbeiteten den 
Vorzug geben? Aber soll man darum dieses verachten? Mit Homer überhaupt verglichen zu 
werden ist etwas gewaltiges; wer hierbei als der kleinere erscheint, kann darum noch selber recht 
groHs sein. Und um so mehr wird dies gelten, wenn die Eigenschaften, die uns im Vergleich zu 
Homer an ihm auffallen, nicht ihm allein angehören, sondern in dem gemeinsamen Charakter 
seiner Nation und seines Zeitalters begründet sind. Eben dies trifft für Vergil zu. Das Me- 
chanische in der Thätigkeit seiner Götter, das uns so wenig zusagt, entspricht gerade aufs beste dem 
römischen Wesen, dem eine strenge, gewissenhafte, aber zugleich nüchterne und fast geschättsmäfsige 
Auffassung der Religion immer eigen gewesen ist. Die Nachahmung im Einzelnen aber, deren Spuren 
wir bei Vergil verfolgen können, weil wir Ilias und Odyssee noch besitzen, ist von anderen 
römischen Dichtem ebenso gut oder ebenso sohlecht geübt worden wie von ihm. Und vielleicht, 
wenn uns ein freundlicheres Geschick von der lyrischen Poesie der Griechen mehr als die paar 
armseligen Überreste gegönnt hätte, würden viele der Seltsamkeiten und inneren Widersprüche 
auf natürliche Weiae erklärt werden können, durch welche die Oden des Horaz zum Gegenstande 
einer so operationslustigen Kritik gemacht worden sind.